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Dienstag, Mai 27, 2008

Freakviertel Reloaded?

Diejenigen unter Euch, die hier noch nicht so lang mitlesen - setzt Euch; schön, dass Ihr da seid - haben sich vielleicht schon mal gefragt: Warum "Freakviertel" Friedrichstadt? Sooo abgefahren ist es dann auch wieder nicht, was der da beschreibt... Nun, das war nicht immer so. Noch vor wenigen Jahren führten Sozialwissenschaftler die Berliner Str. 40 als eines der beeindruckendsten Beispiele dafür an, bis zu welchen Extremen der Mensch bereit, auf andere Menschen zu scheißen; Homo hominem latrinum est. Da flogen regelmäßig leere Glasflaschen direkt aus dem Fenster auf die Straße. Zu jeder Tages- und Nachtzeit hämmerten Bässe teilweise stundenlang in einer solchen Lautstärke durchs Haus, dass ich bei Telefonaten meinen Ge- sprächspartner manchmal nicht mehr verstanden habe. Im Treppen- haus lag Müll, aus den Fenstern wurden zum Spaß Obszönitäten gegröhlt.
Das war, wie gesagt, früher. Inzwischen beschränkt es sich weit- gehend auf den ganz alltäglichen Wahnsinn, den man überall beobachten kann, wo viele Menschen auf einem Haufen zusam- menleben. Woher dieser Wandel kam? Das ist nicht mit abschließender Sicherheit zu sagen; ich habe da aber eine Theorie. An 70 % der damaligen Ruhestörungen war eine ganz bestimmte Person aus dem Haus beteiligt, zum guten Teil als Hauptverursacher. Vor knapp zwei Jahren war diese Person plötzlich nicht mehr da (Rausgeklagt? Knast?), und die Situation normalisierte sich rasch. Auf einmal konnte man mit einer gewissen Sicherheit von ungestörter Nachtruhe ausgehen und wagte sogar wieder, das Auto direkt vor dem Haus abzustellen. Heute mittag habe ich ihn zu meinem Entsetzen wieder im Hausflur getroffen und hoffe seitdem inständig, dass er nur irgendjemand besucht. Leider sind aber seit letzter Woche wieder fast täglich Bässe zu hören, und seit Freitag wurde an jedem Abend zwischen 23 Uhr und 1 Uhr ein großkalibriger Böller auf die Straße geworfen (ehedem ein Klassiker im Freakviertel).
Nun, bislang ist es im Vergleich zu damals noch recht harmlos. Wenn es aber wieder so eskaliert, bin ich hier raus - Ciao, Friedrichstadt. Dabei hatte ich unmittelbar vor meiner Begegnung mit ihm ein richtig schönes Erlebnis: In der Wohnung nebenan wohnt ein Rentner-Ehe- paar, mit dem ich ab und zu ein paar Sätze Smalltalk führe. Daher wissen sie, dass ich bis vor kurzem über meiner Magisterarbeit gebrütet habe. Und vorher auf der Straße haben sie mich ange- sprochen: "Darf man gratulieren?" - selbstverständlich durfte man. Wir haben uns dann noch dermaßen nett unterhalten, wie ich es im Freakviertel nur höchst selten erlebt habe. So war das immer in der Berliner Str. 40: Irrsinn und Normalität leben ebenso Tür an Tür wie Freundlichkeit und arschiges Benehmen. Und während ich diese Zeilen schreibe, wummern die Bässe...

Donnerstag, Mai 01, 2008

Freakviertel Friedrichstadt

Das Freakviertel Friedrichstadt hatte früher häufiger mal einen Auftritt in meiner Ecke. Inzwischen handelt es sich zwar noch immer nicht um die bevorzugte Wohnlage der Reichen und Schönen, aber die Situation hat sich doch weitgehend normalisiert. Manchmal jedoch kann der Besucher noch den Charme der Friedrichstadt erleben, wie sie in ihren "besten" Zeiten war - letzte Nacht, zum Beispiel.
Gegen zwei Uhr bin ich aufgewacht, weil in irgendeiner Wohnung im Haus ein Lärm wie von einer Elefantenherde auf Crack losbrach: Männer brüllten zornentbrannt, Frauen kreischten panisch, Möbel wurden umgeworfen, und das alles minutenlang. Die meisten Leute hätten wahrscheinlich die Polizei alarmiert, um ein Blutbad zu verhindern. Der erfahrene Friedrichstädter weiß aber: Pack schlägt sich, Pa das gibt sich alles wieder.
Einer der Streithähne befand sich dann zehn Minuten später auf der Straße und beschloss, den Kampf verbal fortzuführen: "KOMM SO- FORT RUNTER, DU FO**E!!!", brüllte er aus vollem Hals. Erstaun- licherweise schlug die Angesprochene die Einladung aus. Was folgte, nennen Anthropologen "Friedrichstädter Minnesang": ein konstanter Schwall unflätiger Beleidigungen schallte durch die nächtliche Berliner Straße, stets verbunden mit der Aufforderung an die Herzensdame, runterzukommen oder wenigstens das Handy rauszugeben, das der Schreihals im Haus vergessen hatte.
Das Schauspiel zog sich ungefähr zwanzig Minuten hin und wurde im Laufe der Zeit doch irgendwie lästig. Das abrupte Ende kam mit Eintreffen der Polizei, die dann gegen 2:30 Uhr für Ruhe sorgte. Wir Friedrichstädter haben also schon in den "Herrentag" (wie das hier heißt) reingefeiert; reguläre Updates wird es daher erst wieder morgen geben.

Freitag, März 28, 2008

Schönes Wochenende?!

Vor einem guten Jahr - man schrieb den 2. März 2007 - trat ich vor die Haustür, blickte nach links, blickte nach rechts und dachte spontan: "Wo ist mein Auto?!" Es war in Berlin, aber das ist eine andere Geschichte, und wurde bereits an anderer Stelle (nämlich hier, hier und hier) erzählt.
Heute morgen trat ich vor die Haustür, blickte nach links, blickte nach rechts und dachte spontan: "Wo ist mein Auto?!" Und tatsächlich - wieder einmal wurde es mir gestohlen, vermutlich gestern nacht, aber so genau läßt sich das nicht rekonstruieren.
Nun hatte sich heute mittag die beste Grundschullehrerin von allen zum Essen angekündigt. Sie schlug vor, doch mal eine Runde um den Block zu drehen und nachzuschauen, ob das Auto nicht doch irgendwo steht. Wir machten uns auf den Weg, ich deutlich lustloser als sie ("Ja, klar, die werden den Golf klauen und dann fünfzig Meter weiter abstellen..."). Tatsächlich kamen wir dann nur dreißig Meter weit, und worauf fiel da mein von einsetzender geistiger Zerrüttung ge- trübter Blick? Genau.


Alles in allem handelte es sich um ein Déjà vu mit Zeitraffer. Wieder gab es außer an Tür- und Zündschloß keine Beschädigungen, wieder waren noch nicht mal die CD's aus der Mittelkonsole geklaut. Die Sache mit dem Zündschloß ist ärgerlich, weil kostspielig. Am SCHLIMMSTEN ist aber, daß ich der besten Grundschullehrerin von allen nie wieder einen skeptischen Blick ob astronomisch geringer Wahrscheinlichkeitsverhältnisse werde zuwerfen können, ohne zu hören zu kriegen: "Ja, aber weißt du, damals bei deinem Auto..."
In diesem Sinne: schönes Wochenende!

Freitag, November 30, 2007

Schönes Wochenende!

Wieder mal ist es so weit - das Wochenende steht vor der Tür. Erholt Euch gut, macht was Schönes und denkt daran: vor Montag wird es wie immer nur unregelmäßige, möglicherweise auch gar keine Updates geben.
...vergeßt nicht, morgen das erste Türchen an Eurem Advents- kalender zu öffnen. Ich werde das auch tun; dank meiner Freundin habe ich nämlich einen Kalender, wie er für die Friedrichstadt nicht stilechter sein könnte:

Samstag, November 24, 2007

Freakviertel Friedrichstadt

Die Rückkehr der Klassiker! Wie vor geraumer Zeit schon einmal, vergnügt sich in den letzten Tagen ein Spaßvogel hier im Haus damit, in unregelmäßigen Abständen einen Böller aus dem Fenster zu werfen. Dadurch kriegt dann die komplette Anwohnerschaft jedesmal erst einen Herzinfarkt und anschließend Gewaltfantasien, bei denen sich mancher altgediente FBI-Profiler herzhaft übergeben müßte - besonders, wenn es wie neulich nachts um 2 Uhr knallt. Leider ist die Chance, diesen Freund der Pyrotechnik ausfindig zu machen, gering. Vielleicht auch besser so...

Sonntag, Oktober 07, 2007

Freakviertel Friedrichstadt

Scheint so, als würden wir uns so ganz allmählich wieder den alten Verhältnissen annähern. Nicht nur, daß sich das Hämmern der Bässe bis in die vorgerückten Abendstunden in den letzten Wochen häuft; gestern nacht hat auch irgendjemand im Haus gegen zwei Uhr (!) Löcher gebohrt und Nägel in die Wand eingeschlagen.
Eigentlich hatte ich ja die Hoffnung, diese Kategorie von Posts nicht wiederbeleben zu müssen...

Donnerstag, Juli 19, 2007

Freakviertel Friedrichstadt

In dieser Kategorie ist es in den letzten Monaten still geworden. Das ist dem erfreulichen Umstand zu verdanken, daß in der Berliner Str. 40 abgesehen von vielen kleineren Ärgernissen (Müll, der auch im Treppenhaus einfach auf den Boden geschmissen wird, nächtliches Hupen zum Abschied etc.) beinahe normale Verhältnisse eingekehrt sind. Selbst die Lärmbelästigung durch voll aufgedrehte Stereoan- lagen - früher ein Spektakel, das in der Regel mehrmals täglich bzw. nächtlich stattfand - ist zur Seltenheit geworden.
Aber das Freakviertel ist eben immer noch das Freakviertel. Offen- sichtlich spielt sich dieser Tage ein Beziehungsdrama in unserem Haus ab, in dessen Folge eine Bewohnerin ihren Gatten / Freund / Lebensabschnittgefährten vor die Tür gesetzt hat. Der stand nun schon mehrfach vor dem Haus und forderte lautstark Zugang zur Wohnung. Das hört sich dann so an:
Sie: hysterisch, mit überschlagender Stimme Du bist so gemein!!!
Er: aus vollem Hals Halt's Maul! Gib mir den Schlüssel, Du Hure!
Sie: hysterisch, mit überschlagender Stimme Du bist so gemein!!!
Er: aus vollem Hals Halt's Maul! Gib mir den Schlüssel, Du Hure!
Sie: hysterisch, mit überschlagender Stimme Du bist so gemein!!!
Er: aus vollem Hals Halt's Maul! Gib mir den Schlüssel, Du Hure!
etc.
Obwohl ich die näheren Umstände nicht kenne, scheint mir: sie hat gute Gründe, ihn nicht mehr reinzulassen...

Freitag, Juni 08, 2007

Freakviertel Friedrichstadt

Inspiriert durch eine Diskussion im Bekanntenkreis hatte gestern die brillante Idee, hier im Freakviertel die erste Hochschule für Assligkeit der Welt zu eröffnen! Ein erstes, grobes Schema habe ich schon mal entworfen:

Xenophobisches Institut
Mit den Lehtrstühlen für...
  • Antisemitismus und völkische Fragen
  • Geschichtsklitterung
  • Kulturüberlegenheit
  • Ausländerkriminalität
Typische Lehrveranstaltungen dieses Instituts wären "Holocaust, Gestapo, Kriegsvorbereitung: Wovon Hitler nichts wußte" oder "Kau- salzusammenhänge zwischen Hautfarbe und krimineller Energie".

Soziopathisches Institut
Mit den Lehrstühlen für...
  • Müllentsorgung
  • Sachbeschädigung
  • Störschall-Forschung
  • Konflikteskalation
Typische Lehrveranstaltungen dieses Instituts wären "Trends in der Subwoofer-Entwicklung" oder "Aus den Augen, aus dem Sinn: Die Vorzüge des 'großen' Mülleimers".

Reaktionäres Institut
Mit den Lehrstühlen für...
  • Gender-Fragen
  • Antipluralismus
  • repressive Pädagogik
  • Verschwörungstheorien
Typische Lehrveranstaltungen dieses Instituts wären "Frauen und Technik" oder "Kinder bei Tische sind stumm wie die Fische".

Nach einer Regelstudienzeit von neun Semstern schließt man das Stu- dium als DiplProl (FH) ab. Bewerbungen werden ab sofort entgegen genommen.

Freitag, Juni 01, 2007

Freakviertel Friedrichstadt

Ein in ungedämpfter Lautstärke geblökter Dialog zwischen einem Mitglied der Hausgemeinschaft, das rauchend am Fenster stand und einem weiteren Hausbewohner, der zufällig auf der gegenüberlie- genden Straßenseite unterwegs war:
"Und, was war am Freitag?"
"Zwee Johre."
"Knast?"
"Ne, Bewährung."
Richtig so - das ist nichts, was einem peinlich sein müßte.

Dienstag, Mai 15, 2007

Freakviertel Friedrichstadt

Eigentlich will ich gar nicht wissen, wo diese DEA-Leuchtreklame im Hausflur herkommt:


Und passend zur stürmischen Gewitternacht war gestern abend er wieder unterwegs.

Samstag, März 10, 2007

Freakviertel Friedrichstadt


Dieses Bild bot sich mir gestern abend, als ich von einer kleinen Feierlichkeit kommend den Hausflur betrat. Was mag da wohl passiert sein? Ich werden einfach mal den lustigen Franzosen mit der Topfpflanze aus der Wohnung nebenan fragen, dem ich immer zwei Tüten Milch mitbringe...
(Zur Beruhigung: es handelt sich um Saft oder sonst etwas strafrechtlich minder- bedenkliches. Hoffe ich.)

Montag, Februar 26, 2007

Freakviertel Friedrichstadt

Die seit August andauernde Quasi-Normalität - es beschränkt sich im Großen und Ganzen auf den ganz alltäglichen Wahnsinn - wurde dieses Wochenende unterbrochen, und zwar durch eine Nacht der "Das glaubt keine Sau!"-Kategorie auf der nach oben hin offenen Freakviertel-Skala.
Gegen 1 Uhr: Vor dem Haus haben sich fünf oder sechs junge Männer mit kurzen Haaren und völkischer Gesinnung versammelt. Warum, wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben. Einer (das Alpha- Männchen?) beginnt aus unbekannten Gründen, lautstark lange Passagen aus den Reden Joseph Goebbels' (!) zu zitieren. Die meisterhafte Imitation des Propaganda-Ministers, bühnenreif und ohne eine Spur von Ironie vorgetragen, verraten dem Kenner Talent und fleißiges Üben. Unartikuliertes Gröhlen und "Dynamo! Dynamo!"-Rufe der restlichen Gruppe bilden dabei die akustische Hintergrundkulisse des nächtlichen Schauspiels. Nach gut fünf Minuten endet der Spuk so plötzlich, wie er begonnen hat.
Gegen 2 Uhr: in der Straße erwacht eine Auto-Alarmanlage zum Leben. Der Lautstärke nach zu urteilen, wurde dieses Modell früher in der Seefahrt eingesetzt, um Schiffskollisionen bei dichtem Nebel zu verhindern. Glück für den Besitzer: sein Schlafzimmer liegt offen- sichtlich auf der dem Hinterhof zugewandten Seite des Hauses, so daß er während der folgenden zehn Minuten nicht unnötig von dem infernalischen Lärm geweckt wird.
Gegen 5 Uhr: Stimmengewirr, Grunzen und das Scharren von Füßen kündigen den Beginn einer Schlägerei an. Die Beteiligten sind auch ohne Blick durch's Fenster leicht zu identifizieren: die raue, sich überschlagende Frauenstimme, die der ganzen Szene erst das authentische Freakviertel-Gepräge verleiht, ist in der Friedrichstadt wohl bekannt. Sie gehört einer schwer alkoholkranken Frau undefinierbaren Alters, die stets mit zwei Männern in gleichermaßen desolatem Zustand die Supermärkte der Gegend terrorisiert. Dort werden dann Angestellte angepöbelt und die Kundschaft durch gänzlich hemmungsloses Geschrei belästigt. Offensichtlich sind die beiden Herren aneinander geraten, der Streit ist aber nach wenigen Minuten (nach Punkten oder K.O., wer vermag das zu sagen?) beendet.

Dienstag, Januar 02, 2007

Freakviertel Friedrichstadt

Nachdem ich Silvester zusammen mit Freunden auf Usedom verbracht habe (sehr empfehlenswert!), bin ich gestern abend wieder im Freakviertel eingetroffen. Und ich durfte feststellen, daß man auch in der Berliner Str. 40 ordentlich gefeiert hat - die zahlreichen Böller- fetzen und Explosionsspuren im Hausflur beweisen es. Ein reprä- sentativer Blick unter die im Haus angebrachten Briefkästen:
Man beachte die wohlgefüllte McDonalds-Tüte im für Werbe-Altpapier vorgesehenen Karton.

Sonntag, Juni 18, 2006

Freakviertel Friedrichstadt

Abends, wenn die Straßen verlassen sind, hört man in der Berliner Straße 40 nicht selten das Geschrei von streitenden Paaren. Neuerdings gibt es hier in der Gegend ein Paar, das man nächtens zwar auch rumschreien hört- aber nicht im Streit.
Eigentlich eine ganz nette Abwechslung...

Dienstag, Juni 06, 2006

Freakviertel Friedrichstadt

Gerade eben komme ich zur Haustür und sehe, wie ein Mann vorne übergebeugt mit dem Kopf an der Gegensprechanlage (die sich in Hüfthöhe befindet) lehnt. "Ein Handwerker", denke ich "der irgendeine Malerarbeit oder etwas ähnliches begutachtet."- zumindest, bis ich näher komme und aufgrund seiner Alkfahne beinahe aus den Galoschen kippe. Offensichtlich hat jemand aus der Hausgemeinschaft einen Bekannten zum Kaffee eingeladen.
Da ich mit lieben Gästen in der Berliner Straße nicht nur gute Erfahrungen gemacht habe, versuche ich, am Briefkasten Zeit zu schinden. Doch der Besucher hält sich an der Tür zum Treppenhaus fest, sieht mich so durchdringend an, wie es ihm in seinem Zustand möglich ist, und sagt:
"Woouuhwsnnnduhhinn?"
"Bitte...?"
"Woouuduhinnwlls!"
"Ähm- in den vierten Stock?", rate ich.
Siehe da. Er wartet mit dem Aufzug, bis ich meine Post durchgesehen habe. Schließlich stehen wir beide in der Kabine, er lehnt sich an die Wand und sieht mich so durchdringend an, wie es ihm in seinem Zustand möglich ist:
"Woouuhwsnnnduhhinn?"
"In den vierten Stock!", sage ich mit einem aufmunternden Lächeln.
Schweigend dreht sich der Besucher um neunzig Grad in Richtung Bedienfeld (dieser Vorgang dauert etwa zehn Sekunden), hebt den Arm, klappt einen Zeigefinger aus und bewegt diesen mit einem Gesichtsausdruck allerhöchster Konzentration sowie einer Geschwin- digkeit von fünf Zentimetern pro Sekunde nach vorn, bis die Taste für den dritten Stock gedrückt ist. Als sich die Türen im dritten Stock öffnen, überlege ich einen Moment, ob ich uns beiden den Gefallen tun und aussteigen soll- zumal er sich soeben mit ernster, ja beinahe feierlicher Mine von mir verabschiedet. Ich bleibe:
"Nein, nein- ich muß in den Vierten."
Sein Miene wird mißtrauisch- vielleicht möchte ich ihn verarschen? Aber da sind wir auch schon angekommen und ich husche eilig zu meiner Wohnungstür...

Montag, Juni 05, 2006

Freakviertel Friedrichstadt

Ich vermute, daß wieder mal jemand Neues ins Haus gezogen ist. Während nämlich in den vergangenen Jahren Schlager und Kommerz-Techno für 90 Prozent der musikbedingten Lärmbelästigung verantwortlich waren, dröhnt seit ungefähr zwei Wochen praktisch täglich (und nicht selten nächtlich) Heavy Metal durchs Haus.
Dadurch habe ich festgestellt: Techno-Beats kann man aufgrund ihrer Regelmäßigkeit sehr viel einfacher ausblenden als dieses Gegrunze, Geknüppel und Gejaule.

Mittwoch, Mai 24, 2006

Zum Thema Friedrichstadt

Nach meinem Post über den 'Antisemiten' hat Sarvin in den Comments die sehr berechtigte Frage gestellt, warum ich immer noch in Friedrichstadt wohne- tatsächlich habe ich darüber auch schon mehr als einmal nachgedacht.
Zum einen bietet meine Wohnung eine Reihe von Annehmlichkeiten: man bekommt praktisch immer einen Parkplatz, direkt gegenüber ist nicht nur ein, sondern sogar zwei Supermärkte (und der dritte ist ca. dreihundert Meter entfernt) und zur Straßenbahn-Haltestelle braucht man keine Minute.
Zum zweiten war es zwar schon immer schlimm, aber nicht so schlimm. Besonders als während der Flut 2002 mit der Kneipe neben dem Haus eine der damaligen Hauptursachen für nächtliche Lärmbelästigung abgesoffen ist, hatte ich große Hoffnungen auf eine Normalisierung. Leider haben es aber im Lauf der Jahre einige Hausbewohner durch ihr Verhalten geschafft, ihre normal gepolten Nachbarn rauszuekeln- in deren Wohnungen sitzen inzwischen nicht selten Leute, die sich hervorragend ins Freakviertel einfügen. Und da kommt dann eine gewisse Trotzreaktion ins Spiel. Es kann schließlich nicht sein, daß solche Typen am Ende immer gewinnen, weil sich die Vernünftigen denken "Das ist den Ärger nicht wert." und ausziehen. Außerdem findet die Lärmbelästigung nicht konstant statt, sondern sehr krasse Phasen (in einer solchen befinden wir uns momentan) wechseln sich mit Zeiten ab, in denen manchmal über Wochen hinweg relative Ruhe herrscht und man unweigerlich glauben will, daß das Schlimmste überstanden ist.
Und ich muß zugeben, daß mich nicht zuletzt meine Faulheit vom Umzug abhält. Ich werde nächstes Jahr mein Studium beenden und aller Voraussicht nach ins Ländle zurückgehen. In dieser überschaubaren Zeit zweimal umziehen und zweimal eine Wohnung renovieren- nein danke. Dann lieber die Zähne zusammenbeißen und dem ganzen einen humoristischen Aspekt abgewinnen, wovon ja schließlich auch dieses Blog profitiert. Und dabei gilt natürlich das Motto meiner Ecke: nichts als die Wahrheit. Keine der Geschichten aus Friedrichstadt ist erfunden, nichts ist übertrieben. Wer's nicht glauben kann, darf hier gerne eine Woche nächtigen...

Montag, Mai 22, 2006

Freakviertel Friedrichstadt

Musikbeschallung in absurder Lautstärke und erwachsene Menschen, die auf den Gehweg kacken (siehe hier) sind nicht die einzigen Highlights in der Berliner Straße. Alle paar Monate zieht hier auch ein offensichtlich psychisch Kranker um die Häuser, dem ich den Spitznamen 'der Antisemit' gegeben habe, weil er mitunter minutenlang und ohne jeden erkennbaren Anlaß aus vollem Hals "Scheißjuden" brüllt. Gerade eben ist er wieder unter meinem Fenster vorbeigekommen- "Ich stech dich ab! Ich schneid dir deine Eier ab und stopf sie dir ins Maul!". Wen er gemeint hat, weiß kein Mensch...

Samstag, Mai 20, 2006

Freakviertel Friedrichstadt

Woran erkennt man einen strebsamen Studenten? Zum Beispiel daran, daß er (so wie ich heute morgen) buchstäblich als erster Nicht-Angestellter die Bibliothek betritt, um sich seinem Tagewerk zu widmen.
Weniger schön ist, daß ich gerade beim nach Hause kommen am schwarzen Brett einen Zettel zur Kenntnis nehmen durfte, wonach ein Sproß unserer Hausgemeinschaft heute abend seine Jugendweihe zu feiern gedenkt und daher um Verständnis bittet, falls es- unter Umständen- ein ganz klein wenig lauter zugehen sollte.
Vermutlich wäre das die ideale Gelegenheit, um nochmal eine Live-Reportage zu starten; glücklicherweise habe ich aber schon was vor und werde alles in meiner Macht stehende unternehmen, um so spät wie nur irgendwie möglich zurückzukommen.

Nachtrag: als ich gestern gegen 23 Uhr nach Hause kam, war es erfreulich ruhig- dafür hämmern jetzt (Sonntag, 15:27 Uhr) wieder die Bässe in einer Lautstärke, daß man die Erschütterung des Fußbodens spüren kann. Hat vielleicht einer meiner Dresdner Leser Lust, die Wohnung zu tauschen...?

Samstag, Mai 13, 2006

Freakviertel Friedrichstadt

Das verspricht ein lustiger Abend zu werden: während aus einer Wohnung im Haus momentan Nothing compares to you in beachtlicher Lautstärke dudelt (der Dezibel-Rekord ist allerdings bisher noch nicht in Gefahr), macht man sich in einer anderen offensichtlich für später warm, indem man alle paar Minuten das Fenster aufreißt und aus vollem Hals "Ihr Schwuchteln!" und Ähnliches gröhlt.
Überhaupt scheint es nach einigen Wochen trügerischer Ruhe wieder wie gewohnt weiterzugehen. Gestern abend nutzten einige meiner lieben Mitbewohner das warme Wetter und setzten sich vors Haus. Da das ganz ohne Mucke irgendwie fade ist, wurde kurz vor Mitternacht das Autoradio angeworfen und das Viertel derart mit Musik beschallt, daß ich vier Stockwerke darüber meinen Fernseher kaum noch verstanden habe.
Ich habe es sowas von satt.

21:07 Uhr: Ich habe soeben beschlossen, aus der ganzen Sache eine Live-Reportage zu machen. Zur Zeit plärrt aus der einen Wohnung Jennifer Rush (The power of love); die Techno-Beats (Scooter) aus der anderen Wohnung kommen nicht dagegen an.
21:24 Uhr: In einer der beiden Wohnungen ist Streit ausgebrochen. Wüstes Gebrüll, dazwischen laute Stimmen von anderen Leuten, die offensichtlich die Streithähne trennen wollen.
21:35 Uhr: Stille im ganzen Haus. Die Ruhe vor dem Sturm? Oder sollte es das etwa gewesen sein?
21:54 Uhr: Aus einer Wohnung sind wieder Bässe zu hören- ziemlich leise, aber immerhin. In der Streit-Wohnung ist es dagegen nach wenigen Minuten still geworden und geblieben. Ob ich mir Sorgen machen sollte? Ich bleibe dran.
22:12 Uhr: Aktuell auf dem Plattenteller: Wolle Petry (Wahnsinn).
22:16 Uhr: Auf der Straße vor dem Haus tut sich was. Lautes Gelächter, gellende Pfiffe, energisches Hupen. Ein Auslöser ist nicht erkennbar. Allerdings ist es jetzt wieder im ganzen Haus ruhig.
22:44 Uhr: Hum-hom; alles ruhig. Zwar lehrt die Erfahrung, daß solchen Ruheperioden nicht zu trauen ist, aber mein durch das Jahre andauernde epische Ringen um die Zerrüttung meiner Nerven geschärfter Instinkt verrät mir andererseits, daß für heute nur noch mit kurzen, wenn auch möglicherweise heftigen Ruhestörungen zu rechnen ist. Dabei hätte ich gegen 20 Uhr noch geschworen, daß irgendwann im Lauf des Abends wie so oft Böller aus den Fenstern fliegen...
23:14 Uhr: Ich riskier's und krieche ins Bett, um mir eine DVD zu Gemüte zu führen. Hiermit endet die Live-Reportage, die zugegebenermaßen nicht ganz so spektakulär wie erwartet ausgefallen ist.