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Montag, November 09, 2009

Die Rezension der Woche - garantiert frei von Spoilern

Dan Simmons - Terror

Am 19. Mai 1845 legten die beiden britischen Schiffe HMS Terror und HMS Erebus in England ab, um in arktischen Gewässern nach der Nordwest-Passage zu suchen. Daran hatten sich zuvor schon viele Expeditionen versucht; dass die Schiffe häufig Jahre unterwegs waren und dabei gänzlich auf sich allein gestellt überwintern mussten, gehörte quasi dazu. Solche Fahrten waren nicht nur reich an Entbehrungen, sondern auch gefährlich: Immer wieder wurden Schiffe in der monatelangen Polarnacht von dem ständig in Bewegung befindlichen Packeis zerdrückt. Die Mannschaft konnte dann nur hoffen, im folgenden Sommer von einer auf Verdacht losgeschickten Rettungsexpedition aufgesammelt zu werden, oder sie musste versuchen, zu Fuß eine der weit entfernten menschlichen Siedlungen zu erreichen.

Die Terror und die Erebus mit ihren 129 Mann Besatzung wurden im August 1845 das letzte mal auf ihrem Weg ins Polarmeer gesichtet. Was danach geschah, muss anhand von Indizien wie ein Puzzle zusammengesetzt werden: Nach einer Überwinterung auf der kleinen, unwirtlichen Beechey-Insel wurden beide Schiffe im September 1846 vom Eis eingeschlossen und kamen nicht wieder frei. Im April 1848 sahen sich dann die Offiziere aufgrund schwindender Vorräte gezwungen, den riskanten Fußmarsch in die Zivilisation zu befehlen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 25 Männer umgekommen, unter ihnen der Kommandant der Expedition. Der verzweifelte Versuch, sich nach Süden durchzuschlagen, endete für die verbliebenen 104 Mann tragisch; nicht einer kehrte zurück. Und nicht nur das. 1981 fand man auf der King William-Insel Skelette von einigen der Männer - die Spuren deuten darauf hin, dass sie nicht der Kälte zum Opfer gefallen sind...

Völlige Einsamkeit in einer Monate währenden Nacht bei klirrender Kälte und stetig schwindenden Lebensgrundlagen, dabei in bedrohlichem Packeis gefangen und jedem Rettungsversuch von außen hoffnungslos entzogen - das ist die historisch belegte Ausgangslage, und sie ist an sich schon dramatisch genug. Dan Simmons geht jedoch noch einen Schritt weiter: Was wäre, wenn die Männer dort draußen etwas weit Unheimlicherem ausgesetzt gewesen wären als den Unbilden der arktischen Natur? Auch, wenn Terror auf verbürgten Fakten basiert und die Vermarktung durch den Verlag daher etwas anderes suggeriert - Simmons wollte keinen Tatsachenroman oder auch nur eine glaubhafte Spekulation vorlegen, sondern eine waschechte Horrorgeschichte. Und das ist ihm wahrlich gelungen!

Vor allem drei Dinge machen das Werk zu einem Genuss: Zum einen ist es hervorragend recherchiert. Am Ende des Buchs findet sich eine Übersicht über die von Simmons verwendeten Informationsquellen, die hinsichtlich ihres Umfangs der Literaturliste mancher Doktorarbeit in nichts nachsteht. Diesen Aufwand merkt man auf jeder Seite. Egal, ob es um das Segelhandwerk im Allgemeinen und die Gepflogenheiten der Royal Navy im Speziellen geht, oder um die besonderen Herausforderungen von Polarexpeditionen mit den technischen Möglichkeiten des 19. Jahrhunderts, oder um die Kultur der Eskim Inuit - der Autor schreibt mit Liebe zum Detail und wirkt dabei stets wie jemand, der sich bestens auskennt. So wird man bei der Lektüre nicht nur gut unterhalten, sondern lernt auch eine ganze Menge.

Zum zweiten sind die handelnden Personen überaus vielschichtig, differenziert und lebensnah dargestellt, und auch die psychischen Langzeit-Auswirkungen der Extremsituation sind sehr glaubhaft beschrieben. Simmons haucht seinen Figuren so gekonnt Leben ein, als wäre er nicht nur dabei gewesen, sondern hätte den Protagonisten bei dieser Gelegenheit auch gleich in den Kopf gucken können. Was geht in einem Berufsoffizier vor im Angesicht der Erkenntnis, als Kommandeur auf ganzer Linie gescheitert zu sein und seine Männer wahrscheinlich noch nicht mal lebend nach Hause bringen zu können? Was in den Männern, die seiner Autorität unterstehen und diese Dinge ebenfalls wissen? Dan Simmons nimmt man seine Vermutungen ab. Als Bonus zeichnet er zudem auch ein ziemlich interessantes Bild des britischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die von der Schicksalsgemeinschaft auf den beiden Schiffen widergespiegelt wird.

Zum dritten schließlich erfüllt Terror auch die eigentliche Grundvoraussetzung einer guten Gruselgeschichte: Das Buch ist nicht nur atmosphärisch dicht geschrieben - man fühlt sich schon nach den ersten fünf Seiten mitten hinein katapultiert in diese in Eis und Dunkelheit erstarrte Welt, in der sich dutzende Menschen im Gestank eines von trüben Funzeln spärlich erleuchteten Unterdecks drängen - sondern vor allem auch sauspannend. Irgendwo dort draußen in der Nacht lauert etwas Grauenhaftes, das immer wieder erbarmungslos zuschlägt. Weglaufen können die Seeleute nicht; ihre Waffen scheinen wirkungslos. Letztlich sind es nur die paar Zentimeter Holz der Bordwand, die vor einem überaus unerfreulichen Schicksal bewahren. Nur, wie lange noch? Und was wird, wenn die Vorräte zur Neige gehen und die schützenden Schiffe aufgegeben werden müssen?

Fazit: Dieses Buch ist eines jener seltenen Glücksfälle, bei denen ich selbst dann kaum aufhören konnte zu lesen, wenn ich wusste, dass in gut vier Stunden der Wecker klingeln wird. [Kommentar zum Ende der Geschichte - zum Lesen bitte markieren: Lediglich die Auflösung war dann zwar nicht ganz nach meinem Geschmack, aber das werden andere anders sehen und es ändert auch nichts an Folgendem:] Terror ist der insgesamt beste Roman, den ich in den letzten zehn Jahren gelesen habe. Zartbesaitete seien gewarnt, dass Simmons die komplette Klaviatur des Genres vom subtilen Grusel bis zum deftigen Blutbad beherrscht und einsetzt. Und ein letztes Lob: Normalerweise lese ich englische Bücher im Original, habe mich hier aber aufgrund der zahlreichen Fachausdrücke aus der Welt des Seefahrt für die deutsche Ausgabe entschieden. Ich habe es nicht bereut - die Übersetzung ist wirklich hervorragend (was man ja leider nicht immer sagen kann...).

Samstag, September 19, 2009

Der Kinotipp der Woche (garantiert frei von Spoilern)

Stell Dir vor, die Außerirdischen kommen. Ihr riesiges Raumschiff füllt den Himmel über einer Millionenmetropole aus, und dann passiert - nichts. Drei Monate lang. Irgendwann beschließt die Regierung, doch einmal nachzusehen, was es mit dem schwebenden Koloss auf sich hat. Ein Loch wird in die Außenhülle geschweißt und Spezialeinheiten dringen mit vorgehaltener Waffe in die düsteren Korridore ein. Was sie finden, überrascht die Welt: 1,8 Millionen verängstigte Aliens, dem Hungertod nahe. Schnell wird klar, dass die fremdartigen Wesen nicht als Eroberer, Forscher oder Botschafter einer überlegenen Zivilisation gekommen sind, sondern einfach eine intergalaktische Fahrzeugpanne hatten und rein zufällig auf der Erde gestrandet sind. Was tun mit diesen ungebetenen Gästen, die eigentlich nichts anderes wollen als nach Hause fliegen?

Dieses reichlich ungewöhnliche Problem bildet die Ausgangssituation in District 9; der Film beginnt dreißig Jahre nach Ankunft des Raumschiffs über Johannesburg. Die südafrikanische Regierung hat die Aliens mittlerweile in einem eingezäunten Gebiet der Stadt (eben dem District 9) untergebracht und lässt sie von einem privaten Militär- und Sicherheitsunternehmen namens MNU bewachen. In der Praxis ist das noch weniger gastfreundlich, als es ohnehin schon klingt: District 9 ist ein Slum, in dem die abfällig als "Shrimps" bezeichneten Fremden unter gänzlich unwürdigen Umständen dahinvegetieren. Die MNU entpuppt sich als überaus brutale und zynische Organisation, die die Außerirdischen denkbar mies behandelt. Als die "Shrimps" dann von District 9 in ein 200 Kilometer entferntes Lager mitten in der Einöde zwangsumgesiedelt werden sollen, droht die Situation zu eskalieren...

District 9 spielt nicht zufällig in Johannesburg: Regisseur Neill Blomkamp ist dort aufgewachsen und hat sein Erstlingswerk als wenig subtilen Kommentar zur Apartheid konzipiert. Erfrischend realistisch ist dabei, dass die "Shrimps" in Folge ihrer Verelendung eigentlich keine Sympathie-Träger sind: (Klein-)Kriminalität ist an der Tagesordnung, immer wieder kommt es zu Konflikten mit der menschlichen Bevölkerung, die Bereitschaft zur Kooperation ist mittlerweile gänzlich abhanden gekommen. Blomkamp spiegelt jene Spirale aus gegenseitiger Verachtung und daraus resultierender Gewalt, die die Gegner bestimmter Minderheiten auf den ersten Blick ins Recht zu setzen scheint, gekonnt wieder, ohne jedoch zum Apologeten der Diskriminierung zu werden. Die geballte Ungerechtigkeit ist für den Zuschauer bei allem fragwürdigen Verhalten vieler "Shrimps" stellenweise nahezu unerträglich.

Die besondere Intensität verdankt der Film auch seinem semi-dokumentarischen Stil. Die Kameraführung erinnert an Live-Reportagen, immer wieder werden Interviews oder Nachrichtensendungen dazwischen geschnitten. Dadurch wirkt das Ganze ungemein realistisch, und man hat das Gefühl, nicht nur ein unbeteiligter Beobachter, sondern mitten drin zu sein. Zartbesaitete Gemüter seien an dieser Stelle gewarnt: Wie beim Bezug auf die Rassendiskriminierung verzichtet Blomkamp auch bei der Darstellung von Gewalt auf jedwede Subtilität - da platzen schon mal Köpfe und abgerissene Körperteile fliegen quer über die Leinwand. Hier fühlt sich der Cineast an die frühen Werke des Herr der Ringe-Regisseurs Peter Jackson erinnert, der als Produzent fungierte; eine Freigabe ab 18 Jahren wäre durchaus gerechtfertigt gewesen.

In solchen Momenten wird auch deutlich, dass District 9 eben nicht nur ein sozialkritischer Kommentar zur jüngeren Geschichte Südafrikas ist, sondern auch ein Science Fiction-Film mit ziemlich harten Action-Elementen. Glücklicherweise gelingt dieser Spagat, und man kann dabei kaum glauben, dass Blombergs Gesamtbudget "nur" bei 30 Millionen Dollar lag, so realistisch wirken die Computereffekte, Explosionen und Schusswechsel. Vor allem gegen Ende hin wäre hier jedoch weniger mehr gewesen, denn die Dramaturgie der Action-Sequenzen folgt dann zu sehr den altbekannten Hollywood-Strickmustern. Schade bei so einer originellen Grundidee - zu einem echten Ärgernis wird diese Schwäche aber nicht und lässt sich deshalb durchaus verschmerzen.

Fazit: District 9 ist alles andere als leicht verdauliche Kost und lässt den Zuschauer ziemlich verstört, ratlos und traurig zurück - vor allem deshalb, weil die dargestellten menschlichen Abgründe weit weniger überzeichnet sind, als einem lieb wäre. Und genau das macht ihn unter dem Strich so empfehlenswert. Dieser Film traut sich, anders zu sein und macht dabei nicht nur (fast) alles richtig, sondern kommt auch noch als großes Kino daher. Was kann man mehr verlangen? Für mich jedenfalls ganz klar der beste Film, den ich 2009 gesehen habe!

Trailer

Montag, März 23, 2009

Die Rezension der Woche

Manche Bücher gelten als nicht verfilmbar. Und manche Filme würden nicht als Buch funktionieren. Ein Beispiel dafür ist The Fall, das im Amerika der Zwanziger Jahre spielt: In einem kalifornischen Krankenhaus treffen sich das kleine Mädchen Alexandria und der junge Stuntman Roy. Beide sind Patienten, die sich bei einem Sturz verletzt haben; das Mädchen hat sich den Arm gebrochen, der Stuntman hat einen Wirbelsäulenschaden und wird vielleicht nie wieder gehen können. Roy denkt sich für Alexandria die fantastische Geschichte von fünf Helden aus, die nur durch eines geeint werden: Jeder von ihnen hat aus ganz persönlichen Gründen dem bösen Gouverneur Odious Rache geschworen. Gemeinsam machen sich die Fünf nun auf den Weg, den Schurken zur Strecke zu bringen.

Der Zuschauer erlebt diese Geschichte aus dem Blickwinkel der fünfjährigen Alexandria, durch deren Vorstellungskraft sich die Worte in grandiose, mitunter rauschhafte Bilder verwandeln. Interessant ist dabei der Ansatz des Regisseurs Tarsem Singh, auf jegliche Computereffekte zu verzichten und statt dessen real existierende atemberaubende Landschaften und großartige Gebäude wie das Taj Mahal entsprechend in Szene zu setzen. In der Folge staunt man nicht, weil man Dinge sieht, die es in echt nicht gibt - man staunt ganz im Gegenteil gerade, weil es sie gibt. Dafür waren elf Jahre Planung und vier Jahre Dreh in 18 Ländern nötig. Der Lohn dieses Aufwands ist mehr als ein visuelles Feuerwerk, das zwar ganz anders daherkommt als CGI-Orgien im Stil von Star Wars oder Herr der Ringe, aber auf seine Art nicht minder beeindruckt. The Fall ist darüber hinaus auch eine Ode an die kulturelle Vielfalt und Schaffenskraft der Menschheit.

Bei so viel hochverdientem Lob schmerzt das große Aber, dass an dieser Stelle kommen muss, besonders: Während man den Bildkompositionen die elf Jahre Planung ansieht, wirkt die Geschichte sehr unausgegoren, nebensächlich und kindisch - als stammte das Drehbuch tatsächlich aus der Feder eines mittelmäßig begabten Erzählers, der einem kleinen Mädchen die Zeit durch spontane Einfälle zu vertreiben versucht. Der Stoff hätte das Potential für ganz große Kinomagie, wie sie der Cineast in Filmen wie Hero oder Die fabelhafte Welt der Amélie erleben durfte. Statt dessen dient die Handlung vor allem als Alibi für eine Aneinanderreihung von opulenten Bildern. Und das ist in Anbetracht dessen, was hätte sein können, nicht nur unendlich schade, sondern geradezu ein Ärgernis.



Fazit: Tarsem Singh hat seinen großen Wurf gründlich vergeigt, denn er erzählt eine Geschichte, die für Erwachsene zu albern ist, in Bildern, die für Kinder zu düster sind. So erklärt sich, warum The Fall erst im März 2009 in unsere Kinos kommt, obwohl die Premiere bereits 2006 stattfand. Filmfreunde sollten das Ganze trotzdem sehen (und zwar unbedingt auf der großen Leinwand), denn die herausragenden Qualitäten des Werkes sind ebenso unbestreitbar wie all seine unnötigen Schwächen. Anschauen, staunen, bloß nicht darüber nachdenken!

Donnerstag, März 12, 2009

Ein paar Gedanken am Rande

Zum gestrigen Amoklauf selbst ist eigentlich alles gesagt, was man im ersten Moment sagen kann - und das ist wenig angesichts eines Verbrechens, das vor allem sprachlos macht. Diese Tatsache hält allerdings zahllose Möchtegern-Experten nicht davon ab, in den Medien sehr viel zu reden. Es sei daher aus aktuellem Anlass nochmal das Folgende zu den beiden Themen Waffenrecht und Egoshooter erläutert:

Dass es legal ist, 16 Waffen bei sich zu Hause zu haben, ist in der Tat diskussionswürdig - im Zusammenhang mit extremen Kreisen, die dadurch flächendeckend aufrüsten oder große Anschläge verüben könnten. Nicht jedoch im Hinblick auf Amokläufe: Da reicht eine einzige Pistole, wie gestern auf erschreckende Weise demonstriert wurde. Und eine weitere Verschärfung des Waffenrechts wäre im aktuellen Fall ungefähr so, als würde man die zulässige Höchstgeschwindigkeit in Ortschaften von 50 km/h auf 25 km/h senken, weil jemand in der Stadt mit 100 km/h ein Kind totgefahren hat. Will sagen: Der gestrige Amoklauf wurde nicht durch zu lasche Gesetze ermöglicht, sondern dadurch, dass sich der Vater des Täters nach momentanem Erkenntnisstand nicht an die bestehenden Vorschriften gehalten hat. Sinnvoll sind also verschärfte Kontrollen sowie ggf. verschärfte Konsequenzen bei Verstößen, aber nicht zwangsläufig verschärfte Gesetze.

Ebenfalls diskussionswürdig sind Egoshooter, wobei diskussionswür- dig hier nicht im Sinne von "die gehören eigentlich verboten" zu verstehen ist - dieser Meinung kann man in einem freien Land sein, muss man aber nicht. Erst recht nicht, wenn es explizit um Amokläufe geht: Ein Kausalzusammenhang lässt sich nicht alleine daraus konstruieren, dass (fast) alle Täter der letzten Jahre solche Spiele konsumiert haben, denn dieses "Merkmal" trifft auf einen großen Teil der männlichen Bevölkerung zwischen 15 und 35 zu. Ein Verbot von Egoshootern zur Verhinderung von Amokläufen entspricht einem generellen Verbot von Alkoholkonsum zur Verhinderung von häuslicher Gewalt: Dass Alkohol die Hemmschwelle prügelnder Ehemänner und Väter senkt, kann niemand bestreiten. Dass die Motivation, die eigene Frau zu verdreschen, in der Persönlichkeit und nicht im Feierabend-Bier begründet liegt, allerdings auch nicht.

Vielleicht wäre es gut, einfach ein paar Tage innezuhalten, die Polizei ihre Ermittlungsarbeit machen zu lassen und schließlich mit fundierteren Erkenntnissen und etwas mehr innerem Abstand über Ursachen und Lehren des Amoklaufs von Winnenden zu sprechen. Ach ja, und noch was: Liebe ARD, wenn Ihr nochmal ein Interview mit einer in Tränen aufgelösten Jugendlichen sendet, in deren Schule vor fünf Stunden mehrere Bekannte erschossen wurden (so geschehen im gestrigen "Brennpunkt" ab 20:15 Uhr), fahre ich persönlich nach Hamburg und schiffe Euch in den Briefkasten.

Mittwoch, Februar 11, 2009

Die Rezension der Woche

Filme, die schon vor ihrer Premiere als gänzlich grauenhaft gelten, können nicht mehr enttäuschen, sondern allenfalls positiv überraschen; das aktuelle Beispiel ist "Operation Walküre". Auch ich bin gestern mit der Haltung ins Kino gegangen, dass selbst Eddy Murphy eine passendere Besetzung für den Hitler-Attentäter Stauffenberg gewesen wäre als der bekennende Scientologe Tom Cruise - und muss im Nachhinein zugeben, dass ich dem Streifen durchaus etwas abgewinnen konnte und meine Befürchtungen nicht eingetreten sind. Wer sich eingehender mit dem 20. Juli 1944 beschäftigt hat, kommt zwar bei manchen Details nicht umhin, beide Augen zuzudrücken: Das betrifft vor allem die überhöhte Rolle Stauffenbergs, und auch sonst gäbe es hier genug anzumerken. Insgesamt zeichnet der Film jedoch kein allzu verzerrtes Bild der damaligen Geschehnisse, und dass historische Exaktheit mitunter der Dramaturgie geopfert wird, ist in Hollywood nicht nur gang und gäbe, sondern innerhalb vernünftiger Grenzen auch durchaus legitim.

Was einem nun in knapp zwei Stunden präsentiert wird, ist einerseits handwerklich gut gemachtes Kino, das mit Pathos daherkommt, diesbezüglich aber nie zu sehr übertreibt. Das Zeitkolorit stimmt, die Hauptdarsteller überzeugen weitgehend, und obwohl der Ausgang von vorneherein bekannt ist, bleibt der Film zum Nägelkauen spannend. Der Dramatik dieses zum Scheitern verurteilten Aufstands kann sich der Zuschauer kaum entziehen. Andererseits verzichtet "Operation Walküre" gänzlich darauf, die Ambivalenz der Verschwörer des 20. Juli zu thematisieren. Sie sind Helden, Zauderer, oder unter dem Strich beides, aber stets Verfechter der Freiheit. Stauffenbergs anfängliche Verehrung für Hitler, die grundsätzliche Befürwortung rechtsautoritären Gedankengutes im Denken manches Protagonisten - all das ist hier kein Thema, obwohl es das Heldenhafte der Verschwörung nicht schmälert. Statt sich der interessanten Frage zu widmen, welche inneren Konflikte die Verschwörer im Vorfeld des Attentats ausfochten, bleibt der Film so einem oberflächlichen Gut/Böse-Schema verhaftet.



Alles in allem umgeht "Operation Walküre" blamable Fettnäpfchen, lässt aber auch die Chance zur Auseinandersetzung mit nicht perfekten Helden ungenutzt verstreichen. Dadurch wird ein guter Teil des Potentials, das der Stoff bietet, verschenkt. Auch im Hinblick auf Hauptdarsteller Tom Cruise bleibt ein gewisser Nachgeschmack. Dennoch kann man den Film all jenen guten Gewissens empfehlen, die sich für das Thema interessieren oder sich in Anbetracht ihrer Bildungslücken dringend interessieren sollten.

Mittwoch, Dezember 17, 2008

Blogwichteln 2009

Eigentlich wollte ich mir den ganzen Stress um Weihnachtsgeschenke gar nicht mehr machen. Und jetzt habe ich mich gemeldet, einen mir völlig Unbekannten mit einem Blogbeitrag zu beschenken. Und das auch noch freiwillig! Zumindest sollte er ja, gemessen an seinem Vornamen, eine gewisse Affinität zu diesem Fest und der darum liegenden Zeit haben. Was also tun?

Zunächst mal eine gewisse Vorstellung gewinnen. Also, ich schätze ihn auf Mitte zwanzig, denn sonst wäre er als frischgebackener Historiker ein Spät-, Früh- oder Langzeitstudent gewesen. Als Historiker kennt er sich natürlich bestens in der Geschichte aus, also sind meine ersten Ideen zu Artikeln hinfällig, nämlich "Die Geschichte von Weihnachten seit der Weihnachtshomilie des Hieronymus" oder "Der Weihnachtsbaum in der deutschen Tradition seit seinen ersten urkundlichen Erwähnungen im 16. Jahrhundert".

Er scheint ja aus Dresden zu kommen. Dann wird er sich als NPD-Gegner sicher über die Ablehnung von NPD-Abgeordneten durch das Holiday Inn gefreut haben, weswegen ich für dieses Hotel eine Empfehlung ausgesprochen hatte. Ich selber würde wohl allerdings wieder wie bei meinem letzten Aufenthalt das Artotel vorziehen. Sicher wäre es eine besonders schöne Idee, ihm als Dresdner die Weihnachtsgeschichte auf Sächsisch vorzulesen, nur leider kann ich kein sächsisch, obwohl meine Mutter in Leipzig geboren war. Und eine nicht kostenpflichtige Audidatei habe ich auch nicht auftreiben können.

Bleiben die Vorlieben, die sich aus dem Blog ergeben. Nach der Häufigkeit der Kategorien sind das eindeutig Bizarres, Lustiges und die Popkultur. Also eine bizarre Weihnachtskarte? Eine lustige Adventsgeschichte? Oder ein poppig-spießiges Geschenk?

Irgendwie scheint mir das alles nicht so das Wahre zu sein. Vielleicht sollte ich mich deshalb an das Motto dieses Blogs halten und "Nichts als die Wahrheit" sagen: Eigentlich will ich allen Lesern, und besonders Christian, nichts Anderes wünschen als ein schönes Weihnachten und ein gutes 2009. In diesem Sinne: Have Fun!

Dienstag, November 11, 2008

Kinotipp: Waltz with Bashir

Falls es noch einen Beweis gebraucht hätte, dass Animationsfilme bei Weitem nicht nur etwas für Kinder sind, wird er durch Waltz with Bashir geliefert: Der autobiografisch angelegte Streifen entpuppt sich schnell als knallharter Antikriegsfilm, der stellenweise an Francis Ford Coppolas Apocalypse now erinnert. Interessant ist das gelungene Experiment, dokumentarische Inhalte mithilfe von Zeichentrick darzustellen. Waltz with Bashir entwickelt dadurch eine visuelle Wucht, die den Zuschauer unwiderstehlich in einen Strudel brutalen Irrsinns hineinzieht und am Ende reichlich verstört zurücklässt. Die Altersfreigabe ab 12 erscheint dabei recht fragwürdig: Wer sich diesen Film anschauen will, sollte auf die schonungslose Darstellung vom Sterben auf dem Schlachtfeld gefasst sein.
Worum geht es? 2006 sitzt der israelische Regisseur Ari Folman mit einem Freund in der Kneipe. Beide haben 1982 als Wehrpflichtige im Libanonkrieg gekämpft. Während der Freund jedoch von Alpträumen gequält wird, die aus dieser Zeit herrühren, hat Folman seine Kriegserlebnisse gänzlich verdrängt - so sehr, dass er sich praktisch an nichts mehr erinnern kann. Lediglich eine mysteriöse Traum- sequenz ist geblieben, in der Folman zusammen mit zwei Kamera- den vor dem Hintergrund der zerstörten Küstenstadt Beirut im Meer badet. Es ist Nacht. Langsam zu Boden sinkende Leuchtraketen erhellen die ausgestorbenen Häuserruinen an der Strandpromenade und geben der Szenerie ein schaurig-schönes Gepräge. Wann war das? Wie sind sie dahin gekommen, und was haben sie gemacht? Folman weiß es nicht.
Die Sache lässt ihn nicht los, und ein weiterer Bekannter aus Armeezeiten rät ihm, Kameraden von damals aufzusuchen und mit ihrer Hilfe die fehlenden Erinnerungen wie ein Puzzle zusammen- zusetzen. Diese (tatsächlich geführten und mitgeschnittenen) Interviews dienen als Kommentar zu den Bildern, die dem Zuschauer die Gesprächsinhalte als Rückblenden vor Augen führen: Man sieht 19jährige Jungs, für die Krieg bislang nur ein grobpixeliger Ballerspaß in dämmrigen Spielhallen war (es ist 1982!), und die nun völlig überfordert durch das Grauen des echten Kampfes stolpern. Der Gegner entpuppt sich dabei oft als hinterhältig, nutzt Zivilfahrzeuge als rollende Sprengfallen oder schickt Schuljungen mit der Panzerfaust los. Töten oder getötet werden lautet in diesen Momenten die Entscheidung, und sie muss mitunter im Bruchteil einer Sekunde getroffen werden.
Krieg ist bei Waltz with Bashir etwas Surreales, in dem die Grenzen zwischen Recht und Unrecht zunehmend verwischen - jedoch nicht komplett. Denn Folman (und damit auch dem Zuschauer) wird schon relativ bald klar, dass nicht der alltägliche Horror Ursache für die Erinnerungsblockade des Regisseurs ist, sondern ein Ereignis vom 15. September 1982, das als Massaker von Sabra und Schatila in die Geschichte einging (siehe die Hintergrundinfos unten). Wie bei einer Zwiebel entfernt Folman Haut um Haut und nähert sich diesem Kern, was bei den Zuschauern das Gefühl eines Sogs in den menschlichen Abgrund hervorruft: Unaufhaltsam steuert man auf Szenen zu, die man eigentlich gar nicht sehen will, und die einem dann tatsächlich nicht erspart bleiben.
Waltz with Bashir ist ein cineastischer Tritt in die Magengrube, aber nichtsdestotrotz absolut sehenswert - auch, weil Folman mit diesem Film gerade keinen polarisierenden Kommentar zur Nahost-Problematik im Allgemeinen oder dem Libanonkrieg im Speziellen abgibt. Er ist weder Ankläger noch Verteidiger, sondern ein Chronist, der seiner Fassungslosigkeit im Angesicht ungeheuerlicher Gescheh- nisse Ausdruck verleiht. Gerade dieser bewusste Verzicht, die Opfer egal welcher Seite zu Beweisstücken zu reduzieren, belässt ihnen ihre Würde und Menschlichkeit und lässt Waltz with Bashir über die Ereignisse im Libanon hinausgehen: Unabhängig von individueller Schuld - deren Existenz Folman nicht leugnet - ist es der Krieg an sich, der die Rahmenbedingungen für das Massaker schafft. Dafür wird er hier in seiner ganzen Hässlichkeit an den Pranger gestellt.

Trailer:



Zum historischen Hintergrund des Films: Folman geht nur flüchtig auf die Hintergründe des Massakers von Sabra und Schatila und so gut wie gar nicht auf die Ursachen des Libanonkriegs ein - wohl auch, weil diese Dinge in Israel allgemein bekannt sind. Ich hätte mir allerdings schon manchmal mehr Informationen gewünscht, um viele der Filmszenen besser einordnen zu können. Wer den Film noch sehen will, findet diese Informationen hier:
Die Details sind - wie so oft im Nahost-Konflikt - sehr komplex. Die Grobfassung sieht so aus: Palästinensische Gruppierungen nutzten 1982 genau wie heute den Libanon als Basis, um Angriffe auf das benachbarte Israel durchzuführen. Viele dieser Aktionen hatten (und haben) terroristischen Charakter und konnten auch deshalb ziemlich unbehelligt durchgeführt werden, weil der Libanon ab 1975 in den Wirren eines langjährigen Bürgerkriegs mit einer ganzen Reihe von sich bekämpfenden Parteien versank. Am 6. Juni 1982 marschierte Israel (zum wiederholten Mal) im Libanon ein, um die dort sehr starke palästinensische PLO zu schwächen. Beide Seiten gingen in diesem Konflikt alles andere als zimperlich vor und nahmen zivile Opfer vielfach billigend in Kauf.
Getreu dem Motto "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" unterstützte die christliche Bürgerkriegspartei der Phalangisten Israel im Kampf gegen die PLO. Ihr Anführer Bashir Gemayel wurde am 14. September 1982 bei einem Bombenanschlag getötet. Als Drahtzieher des Anschlags erwies sich schließlich der syrische Geheimdienst. Damals geriet jedoch die PLO in Verdacht, und die israelische Armee besetzte als unmittelbare Reaktion Westbeirut und umstellte die dortigen palästinensischen Flüchtlingslager Sabra und Schatila, in denen PLO-Kämpfer vermutet wurden. In der Nacht vom 15. auf den 16. September rückten Milizionäre der Phalangisten in die umstellten Lager ein - offiziell, um militante Palästinenser zu entwaffnen.
Tatsächlich ging es den Männern aber nicht zuletzt um Rache an den vermeintlichen Mördern ihres Anführers. Nach den späteren Angaben beteiligter phalangistischer Milizionäre kam es in den Lagern kaum zu Widerstand gegen die Aktion. Dennoch wurden in den nächsten Stunden zahlreiche Menschen erschossen, darunter viele Frauen, Kinder und Alte - und alles vor den Augen der militärisch deutlich überlegenen israelischen Armee, die das Massaker nicht nur von den Dächern der umliegenden Hochhäuser beobachtete, sondern auch die Ausgänge der Lager abriegelte und mit Leuchtrakteten für geeignete Lichtverhältnisse sorgte. Soweit sind sich alle Seiten einig; bei der Zahl der Toten und der Rolle Israels bei den Vorgängen gehen die Meinungen jedoch weit auseinander.
Die Phalangisten selbst geben 460 Opfer zu, darunter 35 Frauen und Kinder - eine ebenso unglaubwürdige Zahl wie die 3300 Toten, von denen die PLO spricht. Verschiedene Journalisten vor Ort, darunter auch Israelis, schätzen, dass ungefähr 2000 Menschen im Rahmen des Gewaltexzesses ermordet wurden. Die tatsächliche Anzahl ist nicht mehr zu ermitteln. Auch über die tatsächlichen Hintergründe für das Nichteingreifen der israelischen Armee kann nur spekuliert werden. Erwiesen ist, dass die Einheiten vor Ort ihre Beobachtungen an die vorgesetzten Stellen meldeten und in der Folge nicht nur die Armeeführung, sondern auch die israelische Regierung bereits während des Massakers über die Vorgänge informiert war. Geschehen ist jedoch nichts.
Hielt man die Berichte für übertrieben? War die Passivität ein Zugeständnis an den militärischen Verbündeten? Beauftragte Israel die Phalangisten mit der Ausschaltung von PLO-Kämpfern und war dann überrascht von der Eskalation, ohne noch zurück zu können? Oder war es - horribile dictu - von vorneherein genau so geplant? Wer weiß. Sicher ist auf jeden Fall eines: Selbst bei wohlwollendster Interpretation hat sich die israelische Armee und die hinter ihr stehende Regierung mindestens durch Unterlassung mitschuldig ge- macht - das ändert sich auch nicht dadurch, dass die weltweite Empö- rung 1982 groß war, während 1985 kein Hahn nach vergleichbaren, nicht minder verwerflichen Massakern (diesmal jedoch ohne Involvierung Israels) gekräht hat.

Dienstag, November 04, 2008

Zur US-Präsidentschaftswahl

Heute nacht ist es so weit: die USA wählen einen neuen Präsidenten. In den Umfragen liegt zwar Barack Obama vorn, doch ist das mit Vorsicht zu genießen: Erstens können solche Umfragewerte dazu führen, dass potentielle Wähler von Obama zu Hause bleiben, weil die Sache scheinbar gelaufen ist. Diesen Effekt kennt man auch in Deutschland, und er hat in der Vergangenheit schon dazu geführt, dass klare Favoriten am Ende doch noch verloren haben.
Zweitens - und hier geht es nun um das spezifische Wahlsystem der USA - wird der Präsident bekanntlich nicht direkt gewählt, sondern durch ein Kollegium von Wahlmännern. Diese sind faktisch an den Wahlausgang gebunden, weshalb nur formal von einer indirekten Wahl gesprochen werden kann. Entscheidender ist im Hinblick auf die Umfragen, dass dabei die Entscheidung in den einzelnen Bundes- staaten den Ausschlag gibt, nicht das Gesamtergebnis. Deshalb hat Al Gore 2000 verloren, obwohl er mehr Stimmen als George W. Bush erhielt. Und deshalb ist es auch nur bedingt aussagekräftig, wenn sich in den Umfragen die Mehrheit der Gesamtbevölkerung für Obama ausspricht.
Dieser Effekt wird durch das in den USA geltende Mehrheitswahlrecht noch verschärft. Im Gegensatz zu Deutschland spielt es dort keine Rolle, mit wieviel Vorsprung ein Kandidat gewinnt - die Stimmen für die Gegenkandidaten werden bedeutungslos, und der Gewinner muss noch nicht einmal eine absolute Mehrheit erzielen, um sämtliche Stimmen der Wahlmänner eines Staates zu erhalten. Hinsichtlich der Umfragen bedeutet das: Wenn Obama (als Gedankenspiel) in "seinen" Staaten mit jeweils 90% führt und McCain in "seinen" Staaten nur mit 51%, liegt Obama in den Umfragen klar vorne. Trotzdem wird McCain gewinnen, wenn er am Ende insgesamt mehr Wahlmänner auf sich vereinen kann.
Für den Wahlausgang sind daher die sogenannten "Swing States" entscheidend, in denen kein Kandidat eine klare Mehrheit hat. Dort ist aber das Ergebnis naturgemäß kaum vorherzusagen. Und da die amerikanischen Wahllokale aufgrund der verschiedenen Zeitzonen nicht gleichzeitig schließen, kann das Ganze zu einem regelrechten Krimi ausarten, der sich über Stunden hinzieht. 2008 gilt bei den Swing States ähnliches wie bei den Umfragen: Obama hat die besseren Karten. In Sack und Tüten ist seine Präsidentschaft deshalb aber noch nicht. Wer die Wahl live mitverfolgen will, findet hier eine interessante Auflistung der voraussichtlich ausschlaggebenden Staaten samt Hintergrundinformationen und jeweiligen Schließzeiten der Wahllokale. (Link via)

Mittwoch, Juni 25, 2008

Vor 390 Jahren: Der Prager Fenstersturz

Nachdem am 23. Mai 1618 zwei kaiserliche Statthalter und ein Schreiber aus einem Fenster der Prager Burg geworfen werden, versinkt das Heilige Römische Reich deutscher Nation in einem dreißig Jahre währenden Krieg, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Als er 1648 durch den Westfälischen Frieden beendet wird, sind Millionen von Menschen tot, ganze Landstriche wurden von den Söldnerheeren der beteiligten deutschen und europäischen Mächte verwüstet und die Herausbildung eines selbstbewussten, liberalen Bürgertums ist im Vergleich zu anderen Ländern derart beein- trächtigt, dass die Folgen bis in die Moderne spürbar sind. Kleine Ursache, große Wirkung? Etwas komplexer ist die Sache dann doch, wie ein Blick auf die Ausgangslage verrät, durch die der Prager Fenstersturz überhaupt erst zum Auslöser des Dreißigjährigen Krieges werden konnte.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ist das spätere Deutschland noch kein Nationalstaat im heutigen Sinn, sondern gleicht eher einem Flicken- teppich aus über dreihundert Fürstentümern, Grafschaften und freien Reichsstädten. Manche dieser autonomen Gebiete sind wohlhabend und mächtig, andere winzig und unbedeutend - eines haben sie alle gemeinsam: Ihre jeweiligen Herren sind dem Kaiser zur Treue verpflichtet. Von einer Machtfülle wie im zeitgleich kurz vor der Blüte stehenden französischen Absolutismus kann der ab 1612 herrschende Kaiser Matthias jedoch nur träumen. In der Praxis kann der Habsburger nicht gegen den Reichstag regieren, einer unregelmäßig einberufenen Ständeversammlung, in der die geistlichen und weltlichen Machthaber des Reichs gemeinsam mit Repräsentanten der freien Städte über Steuern und Gesetze entscheiden.
Dadurch ist der Kaiser nur so stark wie seine Lobby im Reich, und um sich diese zu erhalten, muss er permanent taktieren und seine Unterstützer zufrieden stellen, ohne potentielle Gegner in die aktive Opposition zu treiben. Das gründlich vergiftete politische Klima des frühen 17. Jahrhunderts macht diese Aufgabe noch herausfordernder, als sie ohnehin schon ist: Im Zuge der Reformation geht ein Riss mitten durchs Abendland, der den schon immer vorhandenen Machtkonflikten eine zusätzliche quasi-ideologische Brisanz verleiht. Katholiken und Protestanten beäugen sich misstrauisch und schließen sich 1608 bzw. 1609 zu militärischen Schutzbündnissen zusammen, der "Liga" und der "Union". Das Reich bräuchte nun dringend einen begnadeten Diplomaten auf dem Thron, um die tiefen Gräben in der politischen Landschaft zu überwinden.
Bedauerlicherweise ist Matthias alles andere als ein Herrscher, der sich um Ausgleich bemüht. Er treibt die Rekatholisierung protes- tantischer Landstriche vehement voran, wo immer es ihm möglich ist. Das bekommen auch die Menschen in Böhmen zu spüren. Dieses Land nimmt eine Sonderstellung ein: Normalerweise entscheidet seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 der Landesherr über die Konfession seiner Untertanen. Als Matthias' Vorgänger Rudolf II. jedoch im Zuge von Machtkämpfen Unterstützung braucht, können ihm die protestantischen Adeligen Böhmens 1609 im Gegenzug das Recht auf freie Religionsausübung abnötigen. So kommt es, dass ein teilweise protestantisches Land von einem katholischen König, Matthias' Vetter Ferdinand II., regiert wird - der das Rad der Zeit gerne zurückdrehen und den Protestanten ihre Eigenständigkeit nehmen würde.
Darüber regt sich in Böhmen zunehmend Unmut, und am 23. Mai 1618 zieht eine Menschenmenge zur Prager Burg hinauf, um sich über Ferdinands Missachtung des Zugeständnisses von Rudolf II. zu beschweren. Eine Minderheit unter ihnen plant dabei, es nicht bei Worten zu belassen: Sie wollen den offenen Aufstand entfachen, und der Prager Fenstersturz soll das Fanal dazu bilden. Ihre Rechnung geht zunächst auf, Ferdinand wird faktisch entmachtet. Nun will der böhmische Adel einen protestantischen Gegenkönig installieren - ein Schritt von nicht zu unterschätzender Tragweite, denn der Kaiser des Reichs wird seit Jahrhunderten von einem Gremium bestehend aus sieben Männern, den sogenannten Kurfürsten, gewählt. Drei von ihnen sind katholische Bischöfe; drei sind zur Zeit von Matthias protestantische Landesfürsten. Der siebte Kurfürst ist der bislang katholische König von Böhmen.
Es geht also für die Habsburger bei weitem nicht nur um Gebiets- ansprüche, sondern um das politische Überleben der gesamten Kaiserdynastie. Die protestantischen Landesherren, an die die böhmische Königswürde herangetragen wird, ahnen, dass durch eine Zusage Dinge ins Rutschen geraten könnten, die sich im Nachhinein nicht mehr stoppen lassen. Sie lehnen ab. Lediglich der 23 Jahre alte Friedrich V. von der Pfalz, Anführer der protestantischen "Union" und als Herrscher über die Pfalz bereits Kurfürst, ist bereit und wird im November 1619 im Prager Veitsdom zum König gekrönt. In der Zwischenzeit ist Kaiser Matthias gestorben. Sein Nachfolger wird ausgerechnet der geschasste Vorgänger Friedrichs, Ferdinand II., der die Gegenreformation nicht nur noch aggressiver vorantreibt als sein Vetter, sondern in Böhmen auch eine ganz persönliche Scharte auszuwetzen hat.
Ferdinand II. verbündet sich mit seinem alten Freund Maximilian, Herzog von Bayern und Anführer der katholischen "Liga". Da sich die anderen protestantischen Fürsten aus Angst vor einem Flächenbrand von Friedrich V. distanzieren und Böhmen nicht zur "Union" gehört, kann Maximilian dort einmarschieren, ohne allzuviel zu riskieren. Im November 1620 bringen seine Soldaten dem böhmische Heer die entscheidende Niederlage bei und ziehen anschließend tagelang plündernd durch Prag, während Friedrich V. fliehen muss. Die Krise scheint zunächst überstanden. Doch statt die Wogen durch Zurückhaltung zu glätten, vollzieht Ferdinand II. ein erbarmungsloses Strafgericht an seinen Widersachern. Die böhmischen Protestanten müssen zum Katholizismus konvertieren oder - unter Verlust all ihres Besitzes - das Land verlassen. Die Anführer der Rebellion werden hingerichtet, über Friedrich V. wird die Reichsacht verhängt, wodurch er alle Rechte verliert.
Bei den Protestanten im Reich wächst dadurch die Sorge, dass ihnen früher oder später ein ähnliches Schicksal blühen könnte. Es kommt noch schlimmer: Ferdinand II. überträgt dem bayrischen Herzog Maximilian in Anerkennung seiner Dienste die Kurwürde von Friedrich, also das Recht, den Kaiser mitzuwählen. Dies stellt einen unerhörten Bruch mit der Rechtstradition des Reichs dar, zu dem Ferdinand keinesfalls berechtigt ist. Und der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten beschränkt sich nicht auf das Gebiet des späteren Deutschland: 1621 beginnt ein Unabhängigkeitskrieg zwischen den calvinistischen Niederlanden und ihren spanischen Besatzern, die ebenfalls von einem Zweig der Habsburger regiert werden. Ein spanisches Heer marschiert durch das Reich, um die Niederlanden von Süden her anzugreifen und besetzt bei dieser Gelegenheit gleich die protestantische Pfalz Friedrichs V.
Nun wird es auch den Nachbarn des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation ungemütlich. Eine Vereinigung der österreichischen mit der spanischen Linie der Habsburger, die beide die Gegenrefor- mation mit allen Mitteln bis hin zum offenen Rechtsbruch durchsetzen wollen, würde zu einer geballten Ansammlung von Macht führen, vor der alle protestantischen Staaten Europas zittern müssten. Der dänische König Christian IV. lässt sich zum Heerführer der niedersächsischen Protestanten wählen und marschiert mit Unterstützung Englands und der Niederlanden einer katholischen Armee unter dem Oberbefehl Wallensteins entgegen. Was als regional begrenzter Aufstand begann, ist zu einem europäischen Krieg auf deutschem Boden geworden. Beim Prager Fenstersturz handelte es sich eher um einen kleinen Auslöser als eine kleine Ursache - der dennoch eine riesige Wirkung nach sich zog.

Donnerstag, Mai 29, 2008

Wie mir einmal ein wenig blümerant ward

Es gibt Dinge, die lassen Ungutes ahnen - wenn man herausfindet, dass das Häuschen auf einem alten Indianerfriedhof steht, zum Beispiel. Oder dass neuerdings Suul im Kühlschrank wohnt. Oder dass sich Schwärme von Schmeißfliegen auf der Motorhaube niedergelas- sen haben und einem aus der Fahrzeuglüftung ein widerwärtiger, süßlicher Verwesungsgeruch entgegenschlägt. Letzteres war gestern morgen bei mir der Fall. Der Gestank war mir schon am Dienstag aufgefallen, da hatte ich aber noch vermutet, er käme aus der Umgebung (ich parkte gerade vor einem LIDL). Gestern war klar: irgendetwas ist in meinem Motorraum verendet. Für einen kurzen Moment spiele ich mit dem Gedanken, mein Auto umgehend bei eBay einzustellen (Selbstabholer). Es ist mir aber doch irgendwie ans Herz gewachsen, nach allem, was wir gemeinsam erleben durften. Also muss ich das Problem lösen, und zwar schnell.
Ich parke den Golf direkt an einer niedrigen Mauer, hinter der das Ödland des Friedrichstädter Güterbahnhofs beginnt. Dorthin kann ich gegebenenfalls den Kadaver entsorgen. Dann gehe ich zurück in meine Wohnung und stelle die Ausrüstung zusammen:
  • kleine Plastiktüte als Handschuh-Ersatz - Check!
  • Zange, um den Kadaver herauszuziehen - Check!
  • Schraubenzieher für die "Feinarbeit" - Check!
  • Rolle Klopapier zur Grobsäuberung - Check!
  • 1,5 Liter Wasser zur Feinsäuberung, bzw. um den Geschmack von Erbrochenem aus dem Mund zu spülen - Check!
Es kann losgehen. Was wird mich wohl unter der Motorhaube erwarten? Hoffentlich nur eine Maus. Vielleicht aber auch ein Marder. Oder eine Katze. Oder Katzenfrikassee. Am liebsten würde ich mir ein ordentliches Glas Schnaps genehmigen, aber ich muss im Anschluss noch fahren. Selbst dieses traditionelle Ritual des Grabenkriegers unmittelbar vor der Schlacht bleibt mir also verwehrt. Ich mache mich auf den Weg [An dieser Stelle bitte Conquest Of Paradise von Vangelis einspielen]. Als ich am Auto ankomme, stiebt eine Wolke Fliegen auf, und der Verwesungsgeruch ist inzwischen schon aus einigen Metern Entfernung wahrnehmbar. Wie ein Chirurg im OP lege ich die Instrumente zurecht, öffne die Fahrertür, halte einen Moment inne und ziehe dann an dem Hebel, der die Motor- haube entriegelt.
Ich weiß nicht, wie es bei Eurem Auto ist. Beim Golf ist zum Öffnen der Haube neben der Betätigung des besagten Hebels noch ein zweiter Schritt nötig: man muss ein paar Zentimeter weit unter die Abdeckung greifen und sich dann entlang tasten, bis man auf einen Haken stößt. Erst, wenn dieser Haken ebenfalls entriegelt ist, hat man Zugang zum Motorraum. Ich starre einen Augenblick auf den schmalen Spalt zwischen Kühlergrill und Haube, der durch mein Ziehen am Hebel entstanden ist. Irgendwo da drinnen liegt etwas Totes - man kann es deutlich riechen, und ich rechne während der Suche nach dem Haken jeden Moment damit, in etwas Matschiges zu greifen. Ob man bei solchen Fällen den ADAC rufen kann? Dann macht es "Klick!", ich halte die Luft an und klappe die Motorhaube nach oben.
Zuerst sehe ich nichts Ungewöhnliches. Es ist also schon mal nicht der Worst Case, und ich lerne in diesem Augenblick erneut, auch für die kleinen Dinge des Lebens dankbar zu sein. Meine Nase führt mich schließlich zu einer Elster, die ihr Leben zwischen den Schläuchen, Bauteilen und Kabeln ausgehaucht hat. Der eine oder andere mag jetzt denken: "Das ist aber eine ganze Menge Geschichte für das bisschen Pointe...", und zugegeben, es hätte wesentlich schlimmer kommen können. Aber Elstern sind ganz schön große Vögel, und diese hier befindet sich in einem Zustand fortgeschrittener Suppigkeit, wie ein zögerliches Anstupsen mit dem Schraubenzieher sofort deutlich macht. Die Szenerie lässt mich die Zähne blecken und mehrfach unartikuliert grunzen. Der Mann, der zehn Meter hinter meinem Golf steht und telefoniert, dürfte seinem Gesprächspartner in diesem Moment mit ungläubiger Stimme berichten, dass er einen Typen beim Vergewaltigen seines Autos beobachtet.
Ich ziehe die Tüte straff, die mir als Handschuh dient, und greife mit spitzen Fingern nach einem Flügel des Flatterviehs. Er löst sich ohne jeden Kraftaufwand vom gefiederten Körper. Soviel zu diesem Plan. Es hilft alles nichts: ich werde den Vogel in die Hand nehmen müssen, mit nichts als einem Millimeter schmiegsamer Plastikfolie zwischen meiner Haut und der bestialisch stinkenden Elster. Wenigstens bleibt sie diesmal in einem Stück, und ihr letzter Flug führt sie über die Mauer auf eine Wiese. Blumen blühen dort, und ab und zu fährt ein Zug aus fernen Ländern vorbei. Sie wird es gut haben. Ich winke ihr mit einer in eine verschmierte Plastiktüte gehüllten Hand nach, spüle den Motorraum mit Wasser ab und sinne darüber nach, wie viel Alkohol notwendig sein wird, um die letzte Viertelstunde für immer aus meinem Gedächtnis zu bannen.

Freitag, April 04, 2008

Senf gefällig?

Man kann mit gutem Grund der Meinung sein, daß das IOC gegenüber dem chinesischen Umgang mit Menschenrechten zu tolerant ist. Auch bei den Sponsoren der Olympischen Spiele würde man sich deutliche Stellungnahmen zugunsten der vielen inhaftierten Dissidenten wün- schen. Wer jedoch einen Boykott der Spiele fordert, oder denkt, China hätte gar nicht erst Austragungsort werden dürfen, sollte genauer hinschauen.
Zweifellos wird Peking das Mega-Event als Plattform nutzen, um sich selbst positiv darzustellen. Und es steht zu vermuten, daß durch den Zuschlag des IOC das Ansehen der Regierung in der eigenen Be- völkerung steigt. Diese Mechanismen konnte man schon 1936 im nationalsozialistischen Deutschland beobachten. Gleichzeitig fürchteten die NS-Eliten jedoch die internationale Aufmerksamkeit und versuchten, während der Spiele allzu offensichtliche Formen der Unterdrückung und des Terrors gegen die eigene Bevölkerung zu vermeiden.
Ähnliches gilt für das heutige China. Noch nie konnten sich Journalisten so frei bewegen - das mußte Peking im Vorfeld zusichern. Daß sich der Staat an dieses Versprechen hält, wenn auch sicher nicht in wünschenswertem Maße, belegt die omnipräsente Berichterstattung aus allen Winkeln des Landes. Und dieses permanente Negativ-Image tut den Machthabern mehr weh, als es ein einzelner großer Knall in Form eines Boykotts könnte, über den man sich nach wenigen Wochen schon wieder beruhigt hat.
Noch etwas kommt dazu: auch in Asien lebt es sich mit ruiniertem Ruf deutlich ungenierter. Will sagen, im Falle eines Boykotts gäbe es für China keinen Grund mehr, sich gegenüber der Opposition im eigenen Land zurückzuhalten. Ob das die Situation in Tibet ver- bessern würde? Man darf es bezweifeln.
Zusammenfassend kann man sagen: die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit, die mit den Spielen einhergeht, ist das Beste, was den Dissidenten in Tibet und anderswo passieren konnte. Ein Boykott ist daher der falsche Weg. Stattdessen sollten sich IOC und Sponsoren lieber zu klaren Statements gegen Menschenrechts- verletzungen durchringen. Ob es aber dazu kommen wird, ist fraglich - da sind dann doch zu viele wirtschaftliche Interessen im Spiel...

Dienstag, Oktober 23, 2007

Fernsehtipp: Absolute Giganten

"Das Leben ist alles, nur nicht klein und scheiße!" faßt Regisseur Sebastian Schipper die zentrale Aussage seines Debüts zusammen. Und diese Aussage transportiert Absolute Giganten hervorragend, obwohl (oder gerade weil) das Leben der Protagonisten eigentlich der Inbegriff von klein und scheiße ist: Möchtegern-Rapper Ricco jobbt in einer Fast Food-Bude und hat zwar Herz und Schnauze, aber nicht ansatzweise genug Talent, um es im Musikgeschäft jemals auf einen grünen Zweig zu bringen. Der gutmütige Kfz-Schlosser Walter verdingt sich in einer miesen Hinterhof-Werkstatt samt arschigem Chef, interessiert sich aber deutlich mehr für seine Bastelarbeiten am eigenen Auto. Und Küchentisch-Philosoph Floyd sitzt eine zweijährige Bewährungsstrafe ab, verbunden mit Arbeitsdienst in irgendeinem Krankenhaus.
Der einzige, dafür umso hellere Lichtblick ist die tiefe Freundschaft der drei Sympathieträger, die die allgegenwärtige urbane Tristesse der Hamburger Plattenbau-Viertel erträglich macht. Entsprechend schlägt die Nachricht ein, die Floyd den beiden anderen am letzten Abend seiner Bewährungszeit verkündet: es zieht ihn unwiderstehlich in die Welt hinaus. Schon für den nächsten Morgen hat er auf einem Containerschiff Richtung Singapur angeheuert und wird Hamburg verlassen. "Du bist das größte Arschloch, das ich je getroffen habe!", entfährt es Ricco spontan; auch Walter ist stinksauer. Doch so wollen sie es schließlich nicht enden lassen: in der letzten gemeinsamen Nacht gehen sie nochmal auf die Piste, um es richtig krachen zu lassen und der guten, alten Zeit einen würdigen Abschluß zu verleihen.
Diese Stunden, die im Mittelpunkt von Absolute Giganten stehen, geraten schnell zur rauschhaften Odyssee durch die neonbeschienene Nacht. Einer Achterbahnfahrt gleich begegnen die Jungs auf ihrer Tour zahlreichen schrägen Gestalten, erleben Streit und Versöhnung, Niederlage und Triumph, Euphorie und Verzweiflung - kurz: die gesamte Palette menschlicher Befindlichkeiten. So wird der kurze Ausschnitt aus der Biographie von drei Underdogs zu einer Liebeserklärung an das Leben und die Freundschaft, deren Wirkung man sich kaum entziehen kann. Humor, Melancholie, Warmherzig- keit, und natürlich die genialste Tischkicker-Szene in der Geschichte der laufenden Bilder: dieser kleine Streifen ist ganz großes Kino und gehört für mich zum Besten, was der deutsche Film seit der Wende hervorgebracht hat!

Absolute Giganten: heute um 22:50 Uhr im RBB

Mittwoch, Oktober 10, 2007

Meine Meinung

So langsam ist's gut! Was da zur Zeit um Eva Herman stattfindet, hat eine Eigendynamik entwickelt, die reichlich unverhältnismäßige Blü- ten treibt. Dazu hat die Ex-Moderatorin zweifellos selbst beige- tragen: sie ist lange genug Journalistin, um zu wissen, daß positive Aussagen über die NS-Zeit zu Reaktionen führen, die so vorhersehbar wie berechtigt sind. Und daß Begriffe, die dem Vokabular des Dritten Reichs entliehen sind ("gleichgeschaltete Presse"), die Debatte zusätzlich verschärfen müssen. Dummheit? Politische Überzeugung? Ich kenne Eva Herman nicht und kann mir daher kein Urteil bilden. Ihre langjährige Kollegin Bettina Tietjen, die sich im Interview ohne wenn und aber von Hermans Aussagen distanziert hat, ist jedenfalls überzeugt: "Eva ist kein Neonazi." (Quelle)
Warum sie nun immer unverhohlener in diese politische Ecke gestellt wird, erschließt sich mir aus ihren umstrittenen Aussagen nicht. Während einer Pressekonferenz sagte sie wörtlich:
"Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch 'ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewe- gung abgeschafft wurde. Mit den 68er wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war 'ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusam- menhalt - das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben...."
Und kurz darauf zitiert die Bild am Sonntag Eva Hermann:
"Was ich zum Ausdruck bringen wollte, war, dass Werte, die ja auch vor dem Dritten Reich existiert haben, wie Familie, Kinder, und das Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, an- schließend durch die 68er abgeschafft wurden. Vieles, was in die- ser Zeit hochgehalten wurde, wurde danach abgeschafft." (Quelle)
Das kann man als dumm, falsch und reaktionär betrachten, auch als Geschichtsklitterung und Verharmlosung der nationalsozialistischen Familienpolitik. Den Zirkus, der momentan deswegen stattfindet, ist für mich jedoch im Hinblick auf unseren Umgang mit sehr viel be- denklicheren öffentlichen Aussagen nicht nachvollziehbar. Hinlänglich bekannt ist, daß Edmund Stoiber 1988 im Gespräch mit Journalisten vor einer "multinationale[n] Gesellschaft auf deutschem Boden, durchmischt und durchrasst" warnte; seiner politischen Karriere hat diese handfeste Entgleisung nicht geschadet. Und letzten Samstag hat der CSU-Kandidat für die Münchner OB-Wahl Josef Schmid die rot-grüne Stadtregierung in einer Rede mit Ungeziefer verglichen: "Ude und Rot-Grün sind [...] wie die Laus in der Mähne des baye- rischen Löwen. [...] Es ist höchste Zeit, dass wir mit der Entlausung des bayerischen Löwen beginnen!" (Quelle) Überhaupt häufen sich solche Ungeziefer-Vergleiche in den letzten Jahren (man erinnere sich an Münteferings Heuschrecken-Metapher) und scheinen schon beinahe salonfähig zu sein - empört sind jedenfalls fast ausschließlich die unmittelbar Betroffenen, obwohl die Schädlingspolemik im Dritten Reich zweifellos mehr Unheil angerichtet hat als die Reduzierung der Frau auf die Rolle der Mutter.
Es geht mir nicht darum, Eva Hermans Ansichten zu verteidigen, sondern die eingangs angesprochene Frage nach der Verhältnis- mäßigkeit zu stellen. Wer wie Senta Berger gestern abend bei Johannes B. Kerner nicht bereit ist, sich mit jemandem wie Frau Herman in ein Studio zu setzen, der sollte auch die Gegenwart von Edmund Stoiber oder Franz Müntefering nicht ertragen können. Ich kann mich jedoch nicht daran erinnern, daß einer dieser beiden Herren jemals vor laufender Kamera und unter anhaltendem Applaus aus einer Talkshow rausgeschmissen wurden. Daher stellt sich mir die Frage, ob die allerorten aufbrandende Empörung nicht eher dem unzeitgemäßen Gesellschaftsbild der Eva Herman als ihren dämlichen Aussagen über das Dritte Reich gilt, letzteres also vor allem als willkommener Aufhänger für die Kritik an ersterem dient. Das wiederum wäre nicht nur eine Bestätigung für Godwins Gesetz, sondern wirft auch ein schlechtes Licht auf unseren Umgang mit abweichenden Meinungen. Man muß die Ansichten der Herman zur Rollenverteilung (wohlgemerkt: nicht die Ansichten zum Dritten Reich) nicht gut heißen; in einer pluralistischen Gesellschaft muß man sie jedoch ertragen können, ohne eine TV-Hinrichtung wie die von gestern abend zu inszenieren.
Und wenn sich Spiegel Online schließlich nicht entblödet, einen Artikel mit "Eva Herman: Kultfigur für Katholiken" zu betiteln, weil 700 der fast 26 Millionen Katholiken in unserem Land auf einem Kongreß einen Vortrag der Ex-Moderatorin beklatscht haben, fällt mir eigentlich nur noch eine Frage ein: bin ich ein Neonazi, weil ich mehrfach (und vor Zeugen!) mit meinem katholischen Vater an einem Tisch gesessen habe? Vielleicht sollte ich mich schleunigst von ihm distanzieren - nur, um ganz sicher zu gehen...

Freitag, August 17, 2007

Heute vor fünf Jahren: fünfter Tag und Epilog

Ein bißchen Vogelperspektive: am Morgen des 17. August erreicht die Elbe in Dresden mit 9,38 Metern ihren Scheitelpunkt; 47 Quadrat- kilometer oder 15 Prozent des Stadtgebietes stehen unter Wasser (die von der Weißeritz überfluteten Gebiete nicht mitgerechnet). Fünftausend Angehörige von Bundeswehr, THW, Feuerwehr und anderen Organisationen waren in der Nacht allein in Dresden im Einsatz, viele von ihnen kommen aus anderen Bundesländern und unterstützen gemeinsam mit Tausenden von Freiwilligen die sächsischen Hilfskräfte. In Pillnitz reißt sich die zehn Meter lange Fähre 'Schandau' los und treibt auf die Albertbrücke zu. Um das Bauwerk vor Schäden zu bewahren, wird die 'Schandau' von der Polizei gesprengt. Noch ist die Lage an den aufgeweichten Deichen gespannt, aber mit dem ab heute einsetzenden Sinken der Elbe ist für die sächsische Landeshauptstadt die unmittelbare Gefahr vorbei. Viele der Hilfskräfte ziehen jetzt flußabwärts, um die Menschen dort in ihrem Kampf gegen das Wasser zu unterstützen. Und allmählich beginnt man im Freistaat, Bilanz zu ziehen: 180 Brücken sind der Jahrhundertflut zum Opfer gefallen, 20 Prozent des Schienennetzes sind entweder schwer beschädigt oder komplett zerstört, der Gesamtschaden wird in Sachsen auf 15 Milliarden Euro geschätzt. Wie durch ein Wunder kommen 'nur' 21 Menschen in Folge des Hochwassers ums Leben.
Am 26. August wird der Katastrophenalarm für alle Stadtgebiete aufgehoben. Problematisch ist jetzt nicht mehr der Elbpegel, sondern der unnatürlich hohe Grundwasserspiegel. In vielen Häusern vereitelt er über Wochen das Auspumpen des Kellers, weil das Wasser sofort nachdrücken würde. Und das ist noch die harmlose Variante; moder- ne Gebäude mit wasserdichtem Fundament stehen in der Gefahr, angehoben zu werden und dadurch schweren Schaden zu nehmen. Viele der ausgedienten Sandsäcke werden daher in der Turnhalle des St. Benno-Gymnasiums gelagert, um so für zusätzliches Gewicht zu sorgen.
Als am 17. August gegen fünf Uhr morgens die Nachricht die Runde macht, daß die Elbe nicht mehr steigt, beende ich meine Arbeit am Bischofsplatz. Im Gegensatz zu gestern versuche ich erst gar nicht, im Auto zu schlafen; statt dessen will ich mich in die Friedrichstadt durchschlagen. Ich habe keine Ahnung, wie es dort aussieht. Meine Wohnung liegt im vierten Stock und war somit sicher, aber werde ich überhaupt durchkommen? Und falls ja, wie sieht es mit Strom und Wasser aus? Ich beschließe, zuerst bei einem befreundeten Ehepaar in der Südvorstadt Station zu machen und zu duschen, denn ich habe mich seit meiner Ankunft nicht gewaschen und bin völlig verschwitzt und verdreckt. Gott sei Dank riecht man sich selbst nicht. Zuerst suche ich aber nochmal mein Zwischenquartier im Industriegelände auf, um meine treue Schneeschaufel zu verstauen und ein paar Sachen für die ersten Tage auf der anderen Seite zu packen - noch weiß ich nicht, ob und welche Brücken für den Verkehr freigegeben sind. Außerdem ziehe ich mir frische Klamotten an. Die Leute aus dem Fotolabor will ich nach der Abfuhr von gestern aus schierem Trotz nicht fragen, ob ich dafür ihre Räume nutzen kann. Statt dessen wechsle ich meine Sachen auf offener Straße. Ich habe mir in den letzten zwei Tagen für diese Stadt den Arsch aufgerissen; es gibt nichts, wofür ich mich schämen müßte.
Der Weg auf die andere Elbseite gestaltet sich leichter als befürchtet. Die Albertbrücke ist mittlerweile wieder für zivilen Verkehr freigegeben, und ich besteige am Carolaplatz einen Bus, der bis in die Südvorstadt fährt. Eine festgelegte Route - gar nach Fahrplan - gibt es dafür nicht, weil zahlreiche Straßen unpassierbar sind. Der Fahrer muß selbst sehen, wie er sein Ziel am besten erreicht. Über einige der Haltestellen, die der Bus zwischen Carolaplatz und Fritz- Foerster-Platz ansteuert, wird demokratisch abgestimmt. Leute, die entlang der Strecke wohnen, werden direkt vor der Haustür rausgelassen. Über die Dresdner Verkehrsbetriebe gibt es in diesen Tagen nichts zu meckern: Management und Fahrer tun alles in ihrer Macht stehende, um ein Mindestmaß an ÖPNV zu gewährleisten. Auf der Albertbrücke sehe ich dann auch zum ersten mal die grotesk angeschwollene Elbe. Es geht mir dabei wie vielen Bergsteigern während des Gipfelfotos: ich bin so erschöpft und ausgelaugt, daß ich bei dem Anblick praktisch nichts empfinde.
Nach einigen angenehmen Stunden in der Südvorstadt mache ich mich am späten Nachmittag auf den Weg in die Friedrichstadt. Ab der Nossener Brücke - dabei handelt es sich um eine Umgehungs- straße, nicht um eine Elbbrücke - geht es nur noch zu Fuß weiter, denn die Straßen sind vielerorts unterspült, teilweise schwer be- schädigt. Und genau wie gestern morgen verblüfft mich der Kontrast zur Lebhaftigkeit der Neustadt, nur finde ich hier keine Idylle vor, sondern waschechte Postapokalypse. Mich empfängt gespenstische Stille, und es ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Die Wege, Bäume und Autos sind schlammverkrustet, viele Fahrzeuge stehen quer oder sogar umgekippt mitten auf den ausgestorbenen Straßen. Überall liegt Unrat und Treibgut. Der abendlich verfärbte Himmel wird von den sich träge kräuselnden Wasserflächen gespiegelt, die die Weißeritz in Senken und Kellereingängen hinterlassen hat. Die Friedrichstadt am 17. August 2002: der Anblick gehört zum Ein- drucksvollsten, was ich je gesehen habe. Unendlich schade, daß ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Kamera besitze, um die Bilder fest- zuhalten.
Und dann regt sich doch noch Leben. Ein schmächtiger Mann Mitte Fünfzig, der zu den Originalen des Freakviertels zählt, kommt mir vom Ende der Straße entgegen. Er schwitzt und schnauft unter seiner Last, strahlt aber über das ganze Gesicht - weiß der Himmel, von wo aus er die Stiege Bierdosen auf seiner Schulter quer durch die Stadt getragen hat. Da weiß ich: die Natur mag unsere Autos wegspülen, unsere Straßen wegreißen und unsere Keller überfluten - die Friedrichstädter aber sind unverwüstlich. Alles wird gut! Beruhigt erklimme ich die vier Stockwerke zu meiner Wohnung, reiße mir die Kleider vom Leib und falle zum ersten mal seit zweieinhalb Tagen in ein vernünftiges Bett. Ich werde 13 Stunden schlafen.

Epilog
Es gäbe noch eine Menge zu erzählen von diesen zwei Wochen bis Ende August 2002, die ich als großes Abenteuer erlebt habe. Interessierte können gern auf ein Bier vorbeikommen und weiteren Anekdötchen lauschen. Dieses Blog wird sich jedoch ab Montag wieder den bemerkenswerten, skurrilen und wissenswerten Dingen aus den Weiten des Internets widmen. Der Vollständigkeit halber will ich aber doch noch in aller Kürze nachzeichnen, wie es in der heimgesuchten Friedrichstadt weiterging. In meiner Wohnung gab es zwar fließend Wasser, aber keinen Strom, denn die Sicherungskästen befanden sich im überfluteten Keller. Erst nach etwa einem Monat gingen die Lichter in der Berliner Straße 40 wieder an; so lange ohne Licht, Kühlschrank, Herd und jegliche Elektronik auszukommen, war ein Erlebnis für sich. Die postapokalyptische Atmosphäre sollte noch einige Tage andauern. Die Nächte waren sehr still und dunkel, nur in vereinzelten Fenstern war das Flackern von Kerzenlicht zu erkennen.
So, wie das Geräusch der Martinshörner für mich untrennbar mit der Zeit am Bischofsplatz verbunden ist, assoziiere ich die Stille mit der ersten Woche in der Friedrichstadt - und den Gestank. Was da in die Erdgeschosse Dresdens schwappte, war kein Felsquellwasser: die Flut hat um Kläranlagen und Müllhalden keinen Bogen gemacht. Verendete Tiere wurden ebenso mitgespült wie der Inhalt geborstener Öltanks. Flutschlamm hat daher einen charakteristischen und überaus widerwärtigen Geruch, der sich in den heißen Augusttagen wie ein Tuch über viele der betroffenen Gebiete legte. Doch nach und nach normalisierte sich das Leben. Als im November der Supermarkt gegenüber im komplett sanierten Zustand neu eröffnete, war für mich die Flut endgültig abgeschlossen. Offensichtlich ging es vielen so: im Winter 2002/03 habe ich im McDonalds am Altmarkt zufällig den Arbeitslosen wiedergetroffen, der in der Nacht zum 17. August mein Sackzubinder war. Wir führten ein paar Minuten verkrampften Small Talk, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl von damals exis- tierte nicht mehr; jeder war in seine eigene Welt zurückgekehrt.
Tscha, so war das. Ich hätte meine Erinnerungen an die fünf Tage der Jahrhundertflut gerne mit mehr Fotos unterlegt; leider hatte ich damals wie erwähnt keine Kamera. Im Internet finden sich etliche Bilder, doch sind sie in der Regel geschützt und ich will keinen virtuellen Diebstahl betreiben. Auch Hotlinking ist keine Alternative. Ich verweise Euch deshalb auf die Notseite der Stadt Dresden während der Flut; sie ist bis heute weitgehend auf dem Stand des 26. August 2002, als der Katastrophenalarm aufgehoben wurde. Als Ergänzung finden sich dort nun aber zahlreiche nach Kategorien geordnete Fotos, die einen guten Eindruck von den damaligen Zuständen in der Stadt vermitteln.

Und nun bleibt mir nur noch, Euch wie immer ein schönes Wochen- ende zu wünschen. Erholt Euch gut, und denkt daran: vor Montag wird es nur unregelmäßige, möglicherweise auch gar keine Updates geben.

Donnerstag, August 16, 2007

Heute vor fünf Jahren: vierter Tag der Flut

Ein bißchen Vogelperspektive: um zehn Uhr liegt der Pegel der Elbe in Dresden bei 9,03 Metern und steigt weiter. Mittlerweile sind rund 30.000 Dresdner evakuiert, darunter viele Patienten aus gefährdeten Pflegeheimen und Krankenhäusern. Sie kommen teilweise in eigens errichteten Feldlazaretten unter. Mit Ausnahme der Autobahn werden sämtliche Elbbrücken immer wieder gesperrt, weil Beschädigungen durch Treibgut nicht ausgeschlossen werden können. Auf den Gleisanlagen der Marienbrücke stehen schwere Triebwagen, die das Bauwerk zusätzlich stabilisieren sollen. Dabei handelt es sich nicht um Hysterie; in der Nähe von Riesa stürzen an diesem Tag mehrere Brücken ein, wodurch der Bahnverkehr zwischen Dresden und Leipzig auf absehbare Zeit zusammenbricht. Inzwischen steht die Elbe so hoch, daß die Versuche zur Rettung von Gemälden in der Galerie der Alten Meister abgebrochen werden müssen. Zuletzt hatten sich dort zahlreiche freiwillige Helfer so viele der unersetzlichen Bilder wie möglich unter den Arm geklemmt und in höhere Stockwerke getragen. Einige Werke, die aufgrund ihrer Maße nicht durch die Tür passen, werden kurzerhand an die Decke gedübelt. Und tatsächlich wird das Wasser am Ende nicht weit genug steigen, um sie zu erreichen.
Am 16. August setzt außerdem ein Katastrophentourismus der be- sonderen Art ein: im Herbst steht die Bundestagswahl an, und so- wohl Gerhard Schröder als auch sein Herausforderer Edmund Stoiber nutzen die Gelegenheit, um sich als Macher in Szene zu setzen. Medienwirksam stapfen sie in Gummistiefeln und mit angemessen grimmigem Gesicht über den Theaterplatz. Zur gleichen Zeit herrscht auf den Sandsack-Schaufelplätzen wieder reger Betrieb. Drei gibt es davon nach meiner Erinnerung auf der Neustädter Elbseite - am Bischofsplatz, auf der Stauffenberg-Allee, und den dritten weiß ich nicht mehr (Korrekturen und Ergänzungen sind nach wie vor willkommen!).
Es ist gegen 5 Uhr morgens und der Offizielle schickt uns nach Hause, weil wir auf dem Bischofsplatz zu wenige sind, um noch viel ausrichten zu können. Ich habe Glück im Unglück: zwar bildet momentan ein Golf 2 mein Zuhause, aber wenigstens fahren die Straßenbahnen wieder sporadisch und ich muß nicht noch zu Fuß ins Industriegelände. Ich parke vor einem kleinen Fotolabor. Dort beginnt man offensichtlich früh mit der Arbeit, denn als ich um 5:30 Uhr ankomme, stehen bereits drei Mitarbeiter vor der Tür und rauchen, eine Kaffeetasse in der Hand. Ich habe die Sorge, daß mein Auto auf einem Kundenparkplatz stehen und deshalb abgeschleppt werden könnte. Also erkläre ich den drei die Situation. Die Chefin mustert meine dreckigen Klamotten mißbilligend und mag sich nicht so recht zu einer Entscheidung durchringen. Schließlich deutet sie auf den Abstand von ca. 30 Zentimetern zwischen meiner Stoßstange und dem Ende der Parkbucht: "Dann fahren Sie wenigstens ein Stück vor, damit da noch andere Leute ihren Wagen abstellen können." - Yes, Ma'am! Ich widerstehe der Versuchung, in einem unbeobachteten Moment in den Firmenbriefkasten zu schiffen.
Kaum sind die drei freundlichen Foto-Laboranten im Gebäude verschwunden, kehrt morgendliche Stille ein, und ein wunderschöner Sommertag kündigt sich an. Der Kontrast könnte kaum stärker sein: erst die vielen Stunden hektischer Betriebsamkeit am Bischofsplatz, untermalt vom ununterbrochenen Lärm der Martinshörner und Knattern der Hubschrauber, und jetzt diese Morgenidylle zwischen Klinkerbauten aus der Gründerzeit. Während ich so dastehe und die Stimmung auf mich wirken lasse, huscht ein Fuchs über die Straße. Als er mich wahrnimmt, erstarrt er mitten in der Bewegung. Wir schauen uns zwei, drei Sekunden an. Dann eilt er sichtlich unbeein- druckt von der ganzen Aufregung weiter und verschwindet im Gebüsch. Auch ich raffe mich auf und klappe den Beifahrersitz zurück, um mich ein wenig von den Strapazen der Nacht zu erholen.
Ich merke aber schnell, daß es mit dem Schlaf nicht so einfach werden wird. Zum einen gelingt es mir nicht, abzuschalten. Die Eindrücke der letzten Stunden schwirren in meinem Kopf herum und beschäftigen mich trotz meiner Müdigkeit. Ich kann kaum glauben, daß ich erst seit gestern abend in Dresden bin. Zum anderen steigt die Sonne allmählich höher und droht, mein Auto in eine Sauna zu verwandeln. Irgendwann gegen 9 Uhr gebe ich auf und mache mich wieder auf den Weg in die Neustadt. Sobald sich die Tür der Straßenbahn an der Haltestelle Bischofsweg öffnet, stürzen Hektik und Lärm auf mich ein. Ständig rasen Kolonnen von Einsatz- fahrzeugen - Feuerwehr, Polizei, THW, stets mit Blaulicht und Sirene - die Königsbrücker Straße entlang. Bis heute hält sich bei mir der Verdacht, daß es den Fahrern reichlich Spaß gemacht hat, so durch die Stadt zu schroten. Und warum nicht? Wir haben schließlich auch nachts um zwei 'Griechischer Wein' gegröhlt. Sei es, wie es will: auf jeden Fall bilden die allgegenwärtigen Sirenen den zentralen Bestandteil der Geräuschkulisse während der Flut.
Am Bischofsplatz hat inzwischen die Tagschicht übernommen. Da ich nicht unnütz herumstehen will, bilde ich mit einem Mann Mitte Dreißig ein Schaufler-Team. Ich bin im Besitz der Schaufel; das prädestiniert ihn als Sackaufhalter und -zubinder. Am Rande bemerkt: wer von Euch ein Wortspiel mit 'Sack' kennt, das ich in diesen Tagen nicht dutzendfach gehört habe, soll meine Tochter zur Frau bekommen und das halbe Königreich dazu. Aber ich schweife ab. Der Mittdreißiger und ich füllen bis zum späten Vormittag Sandsack um Sandsack. Immer wieder bietet er mir an, die Rollen zu tauschen. Stets lehne ich mit dem bescheidenen Lächeln des wahren Helden ab, der gerne den unangenehmeren Part übernimmt. "Doch, wir tauschen jetzt!!" herrscht er mich irgendwann beinahe an. Mein verwirrtes Gesicht spricht offensichtlich Bände, denn er zeigt mir wortlos seine Hände: die Finger sind vom stundenlangen Festzurren der groben Schnüre buchstäblich blutig gescheuert. Ups.
In der Mittagszeit treffen immer mehr Helfer ein. Es ist inzwischen so voll, daß man sich eher gegenseitig im Weg rumsteht, als tatsächlich etwas beizutragen. Ich beschließe daher, mich am Rand des Bischofsplatzes an einen Baum zu setzen und das Treiben zu beobachten. Dabei entdecke ich auch das eine oder andere bekannte Gesicht; eine Angestellte der Uni-Bibliothek ist dabei, ich sehe immer wieder Kommilitonen. Auch einer meiner Dozenten packt kräftig mit an. Er entspricht von seinem Äußeren gänzlich dem Klischee des Geisteswissenschaftlers: ziemlich klein, Nickelbrille, Vollbart und eine Frisur, wie sie in den 60ern modern gewesen sein mag. Kurz gesagt: er wirkt, als sei er für das Tragen von grobkarierten Jackets mit Ellbogenaufnähern geboren. Doch heute hat er nicht nur auf sein Jacket, sondern auf jede Form von Bekleidung oberhalb der Gürtellinie verzichtet und trägt eine Sonderform von Sandsack vor sich her. Diese Dinger sind ca. 1,50 Meter lang und im gefüllten Zustand unglaublich schwer. Der Dozent sieht aus, als könne er jeden Moment unter der Last zusammenbrechen, was in der Erzählung lustig klingen mag. Tatsächlich strahlt er mit seinen zitternden Armen und den Schweißbächen, die das Gesicht herunterlaufen, geradezu etwas Heroisches aus.
Die Versorgung der Helfer hat sich seit der letzten Nacht um Lichtjahre verbessert. Zahlreiche Hilfsorganisationen, Unternehmen und Privatleute leisten jetzt einen in den Flutchroniken wenig beachteten, aber wichtigen Beitrag im Kampf gegen das Hochwasser. Alles ist für die Helfer kostenlos zu haben: die Heilsarmee hat eine professionelle Feldküche aufgebaut und gibt Gulasch und Kaffee aus. Die Besitzer der Dönerläden in der Neustadt schaffen waschkörbe- weise Dürüm heran und verschenken die Teigrollen. Immer wieder rumpeln Firmenfahrzeuge auf den Bischofsplatz und laden Ge- tränkekisten ab, teilweise stellen sich Fahrer und Fahrzeug nach kurzer Rücksprache mit ihrem Chef spontan für den Sandsack- transport zur Verfügung. Anwohner bringen Kuchen, Salate, belegte Brötchen und was die Kochkünste sonst so hergeben. Am Ende sind es viel zu viele Lebensmittel, die sich unter den Bäumen am Rand des Platzes stapeln. Hier ist die Solidargemeinschaft Wirklichkeit, und es ist eine ziemlich bewegende Erfahrung. Ein besonders rührendes Detail wird mir gut in Erinnerung bleiben: eine alte Frau verteilt in der Nacht Tiefkühlpizzen, die sie einzeln zubereitet. Ist eine fertig, schiebt sie gleich die nächste in den Ofen, schneidet die fertige Pizza, hoppelt zum Bischofsplatz und verteilt die Stücke.
Am Abend findet wieder ein Schichtwechsel statt. Die Helfer von Ende Dreißig bis Mitte Fünzig gehen nach Hause zu ihren Familien, und wie am Abend zuvor sind nun wieder junge Leute in der Mehrzahl. Ich habe in der Zwischenzeit ordentlich gegessen, ein, zwei Stunden unter einem Baum gedöst und zahlreiche Tassen Kaffee ihrer Bestimmung zugeführt. Jetzt nehme ich wieder die Schneeschaufel in die Hand, die mittlerweile einen großen Sprung hat. Mir fällt auf, daß sich im Vergleich zu gestern nicht nur die Verpflegungssituation geändert hat. Das fröhliche Chaos ist einer gewissen Professionalität gewichen, auch unter den freiwilligen Helfern. Die Abläufe haben sich inzwischen eingespielt, jeder weiß, was es wann und wo zu tun gibt. Die Kipplader, die Sand bringen und Sandsäcke abholen, erledigen ihre Aufgabe in einem bestens eingetakteten Roll on/roll off- Betrieb: sie fahren von der Fritz-Reuter-Straße her auf den Bischofsplatz, laden den Sand an der östlichen Seite ab, stoßen dann quer über den Platz zur westlichen Seite zurück und verlassen den Ort nach ihrer Beladung über die Conradstraße. Jeder muß selbst darauf achten, daß er bei dieser nächtlichen Rangiererei nicht unter die Räder kommt - eigentlich ein Wunder, daß niemand etwas passiert.
Es hat sich also vieles verbessert, und das ist gut so: die Elbe steigt zwar deutlich langsamer als noch am 15., doch der Scheitelpunkt wird in Dresden erst für die frühen Morgenstunden des 17. erwartet. Ein weiterer, neuer Aspekt ist dagegen eher unerfreulicher Art - immer wieder sind Kamerateams unterwegs. Ihre Scheinwerfer blenden, sie stehen im Weg und stören die Choreografie. Wann immer jemand von RTL & Co vorfährt, schwanke ich zwischen "Ich will auch ins Fern- sehen!" und "Wann hauen die endlich ab?" Wir sind den Journalisten gegenüber geduldig, denn abgesehen davon, daß sie eben ihren Job machen, hängt natürlich die Höhe der Spendengelder nicht zuletzt von den Bildern ab, die im Fernsehen gesendet werden. Null Toleranz gilt jedoch gegenüber Katastrophentouristen. Gegen 1 Uhr stoppt ein Auto mit Münchner Kennzeichen, ein Mann springt raus und beginnt hastig zu fotografieren. Ich stehe gerade mit einer Gruppe anderer Helfer herum und mache eine kurze Pause. Als einer von uns den 'Besucher' bemerkt, brüllt er quasi aus der Hüfte "Ich hab' deine Mutter gesehen - bei www.spuck-mich-an.de!!!" und wirft seine Bierflasche nach dem Münchner Auto. Der Fahrer steigt hektisch ein und verschwindet in der Dunkelheit, der skurrile Spruch wird von der versammelten Belegschaft mit dröhnendem Gelächter quitiert.
Immer wieder machen die verschiedensten Gerüchte ebenso die Runde wie die aktuellen Pegelstände. Die Stapler müssen jedoch nicht nur mit der Elbe Schritt halten. Immer wieder droht das Wasser durch die behelfsmäßigen Dämme zu sickern. Damit diese 'Risse' nicht größer werden und schließlich das ganze Gebilde weggespült wird, muß es mit den von uns gefüllten Sandsäcken ausgebessert, beschwert und stabilisiert werden. Solche Wassereinbrüche drohen mitunter ziemlich unvermittelt, und dann bricht Hektik aus. "Alles stehen lassen und die vorhandenen Säcke auf den Kipplader, auf der XY-Straße sickert Wasser durch!" lautet dann das Kommando, und wir lassen die Schaufeln fallen und bilden Ketten. Am Ende geht alles gut, keiner der von uns 'belieferten' Dämme wird brechen. Wenn es jedoch nicht gerade irgendwo brenzlig wird, prägt Routine das Bild, ohne daß die Atmosphäre ihren Ausnahmecharakter verloren hätte. Heute nacht ist auf dem Bischofsplatz jeder mit jedem ganz selbstver- ständlich per Du; selbst Punks und hohe Polizeibeamte reden mitei- nander, als würden sie seit Jahren in derselben Dorf-Fußball- mannschaft spielen. Die Gemeinschaft der Schützengräben...
Bei mir fordert inzwischen die Müdigkeit ihren Tribut. Schlafmangel und die scharfen Schatten im Scheinwerferlicht lassen die Szenerie zunehmend unwirklich erscheinen. Manchmal komme ich mir vor wie ferngesteuert, habe inzwischen Blasen an den Händen, die mit meinen Rückenschmerzen um Aufmerksamkeit konkurrieren. Die Nacht ist deutlich fortgeschritten, und so langsam aber sicher bin ich am Ende. Aber jetzt einfach so gehen, mittendrin? Nein. Ich bleibe, auch wenn meine Pausen zunehmend länger werden. Und immer noch funktioniert die kostenlose Verpflegung der Helfer prächtig: gegen drei Uhr fährt ein Pepsi-Sattelschlepper vor und lädt palettenweise Getränke ab. Mitarbeiter von f6 verteilen Zigarettenschachteln. Na- türlich wird dadurch auch Imagepflege betrieben, und wie dieses Blog beweist, kann die Werbewirkung solcher Aktionen mitunter Jahre anhalten. Trotzdem möchte ich glauben, daß ehrliche Hilfsbereit- schaft mindestens auch eine Rolle gespielt hat.
Kurz vor 5 Uhr kommt dann schließlich die erlösende Botschaft: die Elbe steigt nicht mehr. Eine knappe Stunde zuvor hat das Landesamt für Umwelt und Geologie einen Pegelstand von 9,38 Metern gemessen. Das sind acht Meter mehr, als es für Dresden zu dieser Jahreszeit normal wäre. Und es ist ein Meter mehr als der bis dato höchste gemessene Pegelstand in der Geschichte der Aufzeichnun- gen. Vereinzelt ist Applaus zu hören, doch er klingt eher nach Pflicht - etwas, das jetzt irgendwie passieren sollte. Für wirkliche Begeis- terung sind wir alle viel zu müde. Aber wir gönnen uns ein Gefühl tiefer Befriedigung; für heute muß das reichen. Ich nehme die Nachricht zum Anlaß, meine Tätigkeiten am Bischofsplatz zu beenden und mich irgendwie auf die andere Elbseite durchzuschlagen. Mit meiner Rückkehr ins Freakviertel und einem Epilog über die kommenden Tage werden wir uns morgen beschäftigen.

Mittwoch, August 15, 2007

Heute vor fünf Jahren: dritter Tag der Flut

Ein bißchen Vogelperspektive: in der Nacht ist der Pegel der Moldau in Prag stark gefallen; dort ist das Schlimmste überstanden. Entlang der Elbe sieht es anders aus. Die tschechische Armee sprengt fünf herrenlos dahintreibende Lastkähne, um Beschädigungen von Brücken zu vermeiden, ein Schaulustiger wird dabei von einem Eisensplitter tödlich getroffen. Nachdem die Weißeritz in ihr altes Bett zurück- gekehrt ist, erreicht die zweite Flutwelle Sachsen. In Pirna und Hei- denau werden 30.000 Menschen evakuiert, auch in Dresden kommt es zu weiteren Evakuierungen und teilweise sogar zu Zwangsräu- mungen. Dort sind mittlerweile sämtliche Deiche überschwemmt. Die Marien- und die Augustusbrücke werden gesperrt, Zwinger und Semperoper stehen unter Wasser. Um 12:45 Uhr erreicht die Elbe in Dresden die Achtmetermarke (zum Vergleich: momentan beträgt der Pegel 112 Zentimeter) und steigt weiter.
Ich will nicht länger warten, bis meine Eltern zu Hause angekommen sind. Statt dessen verabreden wir uns für den frühen Nachmittag an einer Autobahnraststätte nahe dem Kreuz Feuchtwangen, irgendwo zwischen Stuttgart und Nürnberg. Im Gepäck habe ich alles, was mir für die kommenden Tage nützlich und sinnvoll erscheint: Bargeld, zwei Kisten Mineralwasser, Klamotten, Schlafsack, eine Taschen- lampe, Teelichter, Batterien und - besonders wichtig - eine Schnee- schaufel, um Sandsäcke füllen zu können. Warum eine Schnee- schaufel? Hier profitiere ich von meiner Zeit beim Bund, wo ich auch einmal mit Sandsäcken hantieren mußte. Auf die Schneeschaufel paßt viel mehr Sand als auf vermeintlich geeigneteres Werkzeug. Das bedeutet: seltener bücken und damit erheblich weniger Rücken- schmerzen. So fahre ich schließlich zu Hause ab.
Kurz vor Ulm fällt mir auf, daß ich zwar alles Nötige für ein wochenlanges Überleben unter postapokalyptischen Bedingungen dabei habe, aber ein wesentliches Accessoire für das Überleben in der Zivilisation fehlt: ein befreundetes Paar heiratet in ein paar Wochen, und mein Jacket hängt noch bei meinen Eltern an der Garderobe. Da meine Wohnung im vierten Stock liegt, wird mir niemand eine rührende Geschichte über fortgeschwemmte Kleidungsstücke abneh- men - also drehe ich um und hole das gute Stück. Dieser Umweg kostet mich knapp eineinhalb Stunden. Damit sich meine Eltern nicht unnötig Sorgen machen, sage ich mir während der gesamten Rückfahrt: "Ich darf nicht vergessen, anzurufen und Bescheid zu sagen! Ich darf nicht vergessen, anzurufen und Bescheid zu sagen!". Tatsächlich ist mein erster Gang nach der Ankunft zum Telefon. Beruhigt mache ich mich wieder auf den Weg. Kurz vor Ulm fällt mir auf, daß mein Jacket immer noch bei meinen Eltern an der Garderobe hängt. Diesmal fahre ich weiter zum verabredeten Treffpunkt.
Das Treffen ist kurz. Meine Mutter gibt mir ihr Handy mit (ich besitze keins), mein Vater noch mehr Bargeld und dann verab- schieden wir uns. Die restliche Fahrt vergeht ohne Ereignisse, doch kann ich den Nachrichten entnehmen, daß sich mir in Dresden gänzlich unerwartete Probleme in den Weg stellen werden: die Polizei hat die Autobahnabfahrten rings um die Stadt abgeriegelt und läßt nur noch Anwohner und Hilfskräfte durch. So soll der einsetzende Katastrophentourismus eingedämmt werden. Da ich aber meinen Erstwohnsitz zu diesem Zeitpunkt noch bei meinen Eltern habe, gehe ich mich mit meinem Personalausweis nicht als Dresdner durch. Was nun? Ich lege mir mit den vorhandenen Ressourcen eine Strategie zurecht, auf die Matlock und MacGyver gleichermaßen stolz wären: mein Studentenausweis belegt, daß ich an der TU Dresden imma- trikuliert bin. Mein Personalausweis belegt, daß der lichtbildlose Studentenausweis tatsächlich mir gehört. Ein Dresdner Telefonbuch, das noch irgendwo in meinem Messie-Kofferraum rumliegt, belegt, daß ich in der Friedrichstadt wohne. Ich habe schließlich nicht umsonst ein Semester Jura studiert!
Letztlich bin ich dann doch nicht gezwungen, meine Brillanz auszuspielen. Tatsächlich steht zunächst vor jeder Ausfahrt Dresdens ein Polizeiauto und kontrolliert die Fahrer, aber am Flughafen - der letzten Abfahrtsmöglichkeit - ist die Bahn frei. Dadurch entsteht ein neues Problem: der Flughafen liegt nördlich der Elbe, ich (und alle, die ich kenne und die in der Stadt sind) wohne auf der anderen Seite. Selbst, wenn die Brücken nicht für den zivilen Verkehr gesperrt wären, ist die Innenstadt aufgrund des Hochwassers unpassierbar. Aber wenigstens bin ich in Dresden angekommen. Gegen 18 Uhr parke ich meinen Golf im Industriegelände, krame das Handy meiner Mutter raus und rufe bei der Polizei an, um den nächstgelegenen Sandsack-Schaufelplatz in Erfahrung zu bringen. Die Beamtin schickt mich zum Bischofsplatz, nahe des Szene-Viertels Neustadt. Am Ende des Telefonats bedankt sie sich für meine Bereitschaft, zu helfen; es klingt nicht nach einer Floskel.
Da ich die Parkplatzsituation am Bischofsplatz nicht kenne und die Straßenbahnen nicht mehr fahren, mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Erst jetzt betrete ich den eigentlichen Stadtbereich und bin verblüfft über die Normalität, die allerorten herrscht. Jogger über- holen bummelnde Mütter mit Kinderwagen, Pärchen sitzen in den Straßencafés und schwatzen unbeschwert, in den zahllosen Döner- scheunen rotieren die Drehspieße wie an jedem anderen Sommertag. Von Ausnahmezustand oder gar Untergangsstimmung herrscht hier keine Spur. Die späteren Geschichten von der großen, ungeteilten Solidargemeinschaft Dresdner Bürger während der Flut gilt für einzelne Viertel und Abschnitte, auf die ganze Stadt bezogen sind sie eine über die Jahre wohlgehätschelte Lebenslüge.
Aber in der Neustadt, die aufgrund ihrer Lage vor dem Wasser sicher ist, gibt es nicht nur die Gleichgültigen. Als ich am Bischofsplatz eintreffe, haben sich dort schon mehrere hundert Menschen versammelt und ein offiziell wirkender Mann Ende Dreißig versucht, das weitere Vorgehen zu koordinieren. Der Bischofsplatz ist nicht etwa eine wohlgepflegte Parkanlage oder ein sonstiges Zentrum des öffentlichen Lebens, sondern eine weitgehend brachliegende, von Eisengeländern umgebene Fläche, die jedes Jahr mit anderen häß- lichen Orten um den Titel "Größtes Hunde-Scheißhaus Deutschlands" konkurriert. Für die nächsten Tage ist er ideal, denn er liegt einigermaßen zentral und es gibt nichts, was LKWs und Kipplader kaputtfahren könnten. Die Feuerwehr flext als erstes die Geländer weg und fällt kleine Bäume, um dem Verkehr freie Durchfahrt zu gewähren. Dann werden wir eingeteilt: es gibt Schaufler, die die Sandsäcke füllen, und Stapler, die damit Behelfsdämme bauen bzw. verstärken und ausbessern.
Da ich meine Schneeschippe dabei habe und Werkzeug knapp ist, werde ich Schaufler. Alles ist hastig improvisiert: für diese Ausnah- mesituation gibt es keine Pläne, die man aus irgendeiner Schublade ziehen könnte. Aufgrund der hereinbrechenden Dunkelheit werden große Halogenstrahler herangeschafft, die den Platz ausleuchten sol- len, doch es sind zu wenige, und an einen Generator ist offen- sichtlich ebenfalls nicht ranzukommen. Die Feuerwehr überredet schließlich einen Anwohner, seine privaten Steckdosen zur Verfügung zu stellen. Das nächste Problem: es gibt zur Zeit keinen Sand. Statt dessen schütten mehrere Kipplader ganz gewöhnlichen, von Wurzeln und Steinen durchsetzten Erdaushub auf den Platz. Dafür ist meine Schneeschaufel beim besten Willen nicht geeignet; trotzdem versuche ich, die Sandsäcke irgendwie zu füllen.
Das Thema Ressourcenknappheit wird in dieser Nacht mehrfach aktuell: immer wieder gehen die Sandsäcke aus, und es kommt zu Unterbrechungen. Einmal ruht die Arbeit fast eine Stunde, denn die Bundeswehr fliegt die Säcke inzwischen sogar aus Holland ein. Gegen 1 Uhr wird es schlagartig dunkel, weil sich der Steckdosenbesitzer Sorgen um seine Stromrechnung macht. Es folgen längere Verhand- lungen, und ebenso unvermittelt wird es wieder hell. Gerüchtehalber sollen mehrere freiwillige Helfer dem guten Mann Schläge angeboten haben. So ärgerlich solche Verzögerungen im Hinblick auf den Elbpegel sind, so willkommen sind sie uns Helfern, weil man dann guten Gewissens Pause machen kann. Viel schlimmer ist, daß es bei der stundenlangen Schufterei praktisch nichts zu trinken gibt. Die Zunge klebt mir förmlich im Mund, ich denke sehnsüchtig an die zwei Kisten Wasser, die in meinem Kofferraum stehen. Wenigstens habe ich genug Zigaretten einstecken; das kann nicht jeder von sich behaupten. Tabak und Münzgeld erfahren vom 15. auf den 16. August eine ungeahnte Wertsteigerung an den Sandsack-Schaufelplätzen Dresdens...
All das ist anstrengend. Trotzdem darf man sich die Atmosphäre am Bischofsplatz nicht verbissen oder gar bedrückt vorstellen: das Gegenteil ist der Fall. Hier sind vor allem junge Leute, deren persönliches Hab und Gut ungefährdet ist und die einfach helfen wollen. Wir machen das Beste aus der Sache. Schon bald, nachdem sich die Abläufe ein wenig eingespielt haben, stimmt irgendein spanisch sprechender Spaßvogel 'La Bamba' an. In kürzester Zeit gröhlt die gesamte Horde mit, ob sie den Text kennt oder nicht. Es bleibt nicht der einzige Schlager, zu dessen Takt geschaufelt wird. Das wahre Highlight dieser Nacht sind jedoch die Gelegenheiten, wenn ein Kipplader am Bischofsplatz vorbeirauscht, um zwanzig oder dreißig Stapler zum nächsten Brennpunkt zu befördern (Sicherheits- bestimmungen? Welche Sicherheitsbestimmungen?!). Man hört sie schon von Weitem johlen, manchmal grüßen sie im Vorbeifahren mit irgendeinem lustigen Sprechchor. Bei uns brandet dann jedesmal Jubel auf wie in der Fankurve, wenn ein Elfmeter versenkt wird. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist unglaublich.
Gegen drei Uhr beginnt die Schar der Freiwilligen, auszudünnen, und die wuselnde Lebhaftigkeit der letzten Stunden läßt spürbar nach. Wir sind verschwitzt, dreckig und hundemüde, und der Durst wird langsam unerträglich. Als der Morgen dämmert, befinden sich noch ein dutzend Menschen auf dem Bischofsplatz und füllen weiter Säcke. Wenigstens haben wir inzwischen richtigen Sand. Im fahlen Licht habe ich das erste mal seit gestern abend Gelegenheit, die Schaufler um mich herum genauer in Augenschein zu nehmen. Der Offizielle, der alles koordiniert hat, ist noch da. Außerdem ein anderer Student, mit dem ich zusammenarbeite. Inzwischen gibt es nämlich bei den Schauflern noch die etablierte Untergruppe der Sackaufhalter und -zubinder. Wirklich erstaunt bin ich indes über ein anderes Schaufler-Team: es besteht aus einem Punk und zwei Typen, deren T-Shirts sie als Angehörige rechter Kreise ausweisen. Vielleicht war ihnen in der bisherigen Dunkelheit nicht klar, mit wem sie es jeweils zu tun haben. Vielleicht ist es ihnen für diesen kurzen Augenblick der Ausnahmesituation auch einfach egal. Die Zusammenarbeit verläuft jedenfalls problemlos.
Gegen fünf Uhr schickt uns der Offizielle nach Hause - wir sind so wenige geworden, daß unser Beitrag keinen Unterschied mehr macht. Zu Hause, daß ist für den Moment mein Golf, der irgendwo im Industriegelände steht. Zum Glück haben die Straßenbahnen wieder einen sporadischen Fahrbetrieb aufgenommen, und ich muß nicht dorthin laufen. Der 16. August ist zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Stunden alt, und nach wie vor steigt die Elbe. Mir ist das jedoch zu diesem Zeitpunkt wurscht; ich möchte nur noch den Beifahrersitz nach hinten klappen und schlafen.

Morgen werden wir den Faden wieder aufnehmen!

Dienstag, August 14, 2007

Heute vor fünf Jahren: zweiter Tag der Flut

Wir erinnern uns: den zweiten Tag der Flut - die Menschen aus dem Erzgebirge würden es den dritten nennen, aber in Dresden tritt die Weißeritz erst am Morgen des 13. über die Ufer - verbringe ich noch im Ländle und hüte die Katze meiner Eltern. Von persönlichen Erfahrungen kann ich also heute nicht berichten; ich sitze vor dem Fernseher und sehe unzählige nichtssagende Interviews, die sich in einer Endlosschleife mit den Amateuraufnahmen der Flutwelle in Glashütte ablösen. Dazwischen immer wieder Journalisten vor dem Hintergrund des Dresdner Terassenufers, deren Gummistiefel dramaturgisch bestens mit ihren professionell-erschütterten Mienen harmonieren. Und wie so häufig bei wirklich außergewöhnlichen Ereignissen ringen sie um Worte: sämtliche Superlative haben durch inflationären Gebrauch längst ihre Aussagekraft verloren.
In Sachsen gilt für 14 Landkreise Katastrophenalarm. In Dresden werden besonders betroffene bzw. gefährdete Gebiete evakuiert, darunter auch die Friedrichstadt. Zwar entspannt sich dank sinkender Pegelstände die Lage am 'Weißeritz-See', der Teile der Innenstadt bedeckt. Echte Freude kommt darüber jedoch nicht auf, denn die sächsische Landeshauptstadt ist mittlerweile nicht mehr so sehr von Westen, sondern vor allem von Süden her bedroht. Die Moldau, wichtigster Zufluß der Elbe, erreicht an diesem Tag in Prag ihren Scheitelpunkt. 150 Kubikmeter Wasser führt sie normalerweise pro Sekunde mit sich; am Mittwoch, den 14. August 2002 sind es geschätzte 5300 Kubikmeter. Die Prager Altstadt kann weitgehend vor Schäden bewahrt werden. Im örtlichen Zoo nutzt ein Seehund die Gunst der Stunde und büchst aus seinem überfluteten Gehege aus. Er wird später bei Dresden eingefangen, stirbt aber auf dem Rücktransport.
Klar ist: was heute die Moldau hinabfließt, gelangt morgen zwangsläufig in die Elbe. Um 6 Uhr werden in Dresden/Laubegast 6,92 Meter gemessen, knapp eineinhalb Meter mehr als vor drei Tagen, aber das ist nur das Wasser aus den kleineren Flüssen in Sachsen und Nordtschechien. Die eigentliche Welle bewegt sich in diesen Stunden unaufhaltsam nach Norden und wird die Stadt in den kommenden Tagen treffen. Die Aufregung läßt die Gerüchteküche brodeln: im Laufe des Tages wird im Radio gemeldet, die Talsperre Malter sei gebrochen. Gott sei Dank handelt es sich dabei um eine Ente, denn anderenfalls hätte sich eine Wand von knapp zehn Millionen Kubikmetern Wasser auf Dresden zugewälzt und alles in ihrer Bahn mit sich gerissen. Die unmittelbare Reaktion der Menschen auf die Falschmeldung fällt unterschiedlich aus: die Intelligenten fliehen aus dem vermeintlichen Gefahrenbereich. Andere werden von einem meiner Freunde dabei beobachtet, wie sie in Richtung Uferböschung stürzen - gucken, wie das Wasser kommt...
Die Regenmenge, die zwischen Sonntag und Dienstag auf Sachsen niederging, entspricht stellenweise 373% des Monatsdurchschnitts, oder anders ausgedrückt: in diesen drei Tagen regnete es so viel wie sonst in gut drei Monaten. Doch nun wird das Wetter allmählich wieder besser, und ab Ende der Woche ist der Himmel strahlend blau und die Temperatur hochsommerlich. Entlang der erzgebirgischen Fluß- und Bachläufe wird das ganze Ausmaß der Verwüstungen sichtbar. Gleise sind unterspült, Straßen hat es weggerissen, Brücken existieren nicht mehr. Viele Häuser sind beschädigt; in den Wohnzimmern steht knietief stinkender Schlamm, der in der einsetzenden Hitze zu faulen beginnt. Dort beginnen die Menschen jetzt, mit Schneeschaufeln und anderen behelfsmäßigen Mitteln aufzuräumen. Oft sind sie dabei weitgehend auf sich allein gestellt, denn die Hilfskräfte sind völlig überfordert, können manche Ortschaften zunächst nicht einmal erreichen oder werden dort eingesetzt, wo akute Gefahr droht.

Schlottwitz. Das Bild wurde von Harald Weber geschossen und in der Wikipedia unter einer GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.
An Urlaub ist da natürlich nicht mehr zu denken - meine Eltern beschließen, am 15. August die Heimfahrt anzutreten. Darüber bin ich froh, denn so kann ich endlich den Fernsehsessel verlassen und mich auf den Weg nach Dresden machen. Auch wir werden morgen die Vogelperspektive der Statistiken und großen Zusammenhänge hinter uns lassen und in meinen kleinen Ausschnitt der Jahrhun- dertflut 2002 eintauchen.